Das Neue, Unerwartete findet sich oft dort, wo niemand es vermutet: im Altbekannten. Was uns von der Entdeckung abhält, ist einzig träge Gewohnheit: "Ham wir doch immer so gemacht." Jahrhundertelang etwa galten Zeit und Raum als unverrückbare Konstanten – bis Einstein erkannte: Beides ist relativ.

Ähnlich ist es bei den diesjährigen Trägern des Physiknobelpreises. Auch sie haben Bekanntes in Zweifel gezogen und festgestellt, dass man die Dinge ganz anders betrachten kann. Leider ist ihr Gegenstand noch unanschaulicher, als Raum und Zeit es sind. Es geht um die Beschreibung der elektrischen Leitfähigkeit exotischer Materialien wie Supraleiter oder dünner magnetischer Filme. Anfang der 1980er Jahre galt dieses Gebiet der Physik als gut verstanden, bis David Thouless, Duncan Haldane und Michael Kosterlitz die Sache durch die Brille der mathematischen Topologie betrachteten.

Dabei gilt die Topologie, die sich mit den Eigenschaften mathematischer Strukturen beschäftigt, gemeinhin als ebenso abstrakt wie anwendungsfern (selbst der Versuch, sie anhand von Löchern in Brezeln oder Donuts zu veranschaulichen, scheitert in den meisten Fällen). Doch gerade die mathematische Perspektive führte zu überraschenden Einsichten, die heute Materialforscher in aller Welt elektrisieren und vielleicht künftig gar den Bau eines Quantencomputers ermöglichen.

Er sei selbst erstaunt, dass seine abstrakte Theorie sich als so fruchtbar erwiesen habe, gestand Haldane im Telefonat mit dem Nobelkomitee. Das ist das Schöne am Denken: Das Eigenleben ihrer Ideen überrascht selbst deren Urheber.