Als Martin vor einer Schule hält, bricht Chaos aus. Viele Kinder scharen sich um ihn, fassen ihn an, stupsen ihn. Martin ist wie gelähmt. Kann weder vor noch zurück. Nur ein kleines rotes Fähnchen ragt noch zwischen den Schulranzen hervor. Aber solange Menschen im Weg sind, steht Martin still. So ist er programmiert.

Martin ist der Spitzname eines Roboters, der offiziell Starship heißt und den Onlinehandel revolutionieren soll. Für den Handelskonzern Metro und den Paketzusteller Hermes ist er das neue große Ding. Seit dieser Woche testen sie den Roboter, der wie eine rollende Kühlbox aussieht, in Hamburg und Düsseldorf. Für Hermes soll er Pakete, für die Metrotochter Media Markt einzelne Bestellungen ausliefern. Der Lieferroboter des estländischen Start-ups Starship Technologies navigiert sich dabei selbstständig durch Straßen und soll die Bestellung vom Paketshop bis vor die Haustür des Kunden liefern.

Diese letzten Meter sind entscheidend im Onlinehandel. Für Hermes und Metro machen sie oft den größten Teil der gesamten Lieferkosten aus, weil die Kunden bei der Lieferung selten zu Hause sind. Das kostet Personal, Benzin und macht die Lagerhaltung unnötig teuer. Die Kunden wiederum müssen in solchen Fällen zum Kiosk oder zu einer Filiale. Das kostet Zeit und bringt wenig Spaß.

Und die Kunden sollen bei Laune gehalten werden, denn gute Laune beim Shoppen bringt gute Zahlen. Schon jetzt wächst der Onlinehandel rasant, elf Prozent sollen es in diesem Jahr werden. Damit würde der Umsatz auf 44 Milliarden Euro steigen – mit Luft nach oben. Denn autonome Boten wie Martin, schätzt Starship, können die Lieferkosten deutlich senken, weil sie erst dann ausliefern, wenn die Kunden auch wirklich zu Hause sind und dabei so viel Strom verbrauchen wie eine Glühbirne.

So einen Martin wollen deshalb alle: Ob Amazon, DHL oder Google, autonome Lieferlösungen mit Namen wie "Prime Air", "Paketkopter" oder "Project Wing" werden ebenfalls schon getestet. In Amsterdam entwickeln Wissenschaftler seit Neuestem sogar Boote, die Menschen und ihre Einkäufe selbstständig durch die Wasserstraßen der niederländischen Hauptstadt transportieren sollen.

Martin wirkt souverän. Mit seinen zahlreichen Sensoren erkennt er, wenn etwas auf ihn zukommt und kein Laternenmast ist. Zum Bremsen braucht er nur 30 Zentimeter. Genug selbst für den kleinsten Hund. Obwohl das nicht immer nötig scheint, die haben ja auch Augen: Als ein Welpe das rechteckige Ungetüm auf sich zurollen sieht, stellen sich die Ohren auf. Dann nimmt er Reißaus. Er ist nicht der Einzige, der Martin fürchtet.

Auch die deutschen Behörden trauen Martin nicht über den Weg. Obwohl er nur mit sechs Stundenkilometern unterwegs ist, ist er zu schnell für die Verwaltungsbeamten: Was passiert, wenn Martin auf dem Bürgersteig einen Hund überrollt? Wer hat Schuld, wenn ein Fahrradfahrer wegen der rollenden Kiste ausweicht und deswegen einen Unfall baut? Und wer zahlt das Krankenhaus für den Fußgänger, der über Martin stolpert und sich das Bein bricht? Antworten auf solche Fragen gibt es noch nicht. Bei deutschen Beamten lösen all diese Szenarien daher nur eines aus: Panik.