Der russische Präsident Wladimir Putin kündigt ein wichtiges Atomwaffenabkommen auf – aber die Welt nimmt davon kaum Notiz. Die Angst vor dem Atomschlag existiert heute nur noch in der Erinnerung.

Das mangelnde Gefahrenbewusstsein ist ein Problem. Denn Putins Absage an das Plutoniumabkommen wirft die Frage auf, ob ein nuklearer Krieg wieder möglich ist. Die Aufkündigung der russisch-amerikanischen Abrüstungsvereinbarung markiert einen Bruch. Zum ersten Mal seit 15 Jahren wird ein solcher Vertrag einfach geschreddert. Den ersten Sündenfall dieser Art beging Ende 2001 US-Präsident George W. Bush. Er kündigte einseitig das ABM-Abkommen, das Raketenabwehrsysteme mit wenigen Ausnahmen verbot. Seit dieser Entscheidung wuchs das Misstrauen zwischen den Atommächten. Heute gibt Putin mit seinem einseitigen Schritt den Startschuss für ein neues Wettrüsten.

Das Plutoniumabkommen ist eine wichtige Ergänzung zu den großen Abrüstungsverträgen. Im Jahre 2010 erneuerten die Außenminister der USA und Russlands, Hillary Clinton und Sergej Lawrow, das schon 2000 unterschriebene Abkommen. Es sah die Entsorgung von jeweils 34 Tonnen atomwaffenfähigen Plutoniums in Atommeilern vor. Beide Seiten haben die vereinbarte Gesamtmenge noch längst nicht vernichtet.

Auf Abkommen wie dem Plutonium-Deal aber ruht die ganze Architektur der europäischen Friedensordnung. Seit der Entspannungspolitik der siebziger Jahre reihten die Nuklearmächte Vertrag an Vertrag, um die Gefahr einer zufälligen oder gewollten nuklearen Eskalation zu verhindern. Niemals vor George W. Bush und Wladimir Putin wurde an diesen Verträgen gerüttelt. Die Welt und Europa verließen sich darauf, dass die USA und Russland ihre irrwitzigen Waffenarsenale für vielfache gegenseitige Zerstörung langsam abbauten. Der amtierende US-Präsident Barack Obama rief 2009 und noch einmal in diesem Jahr zu einer atomwaffenfreien Welt auf.

Doch dieser Traum scheint ausgeträumt zu sein. In Europa stationiert Russland in seiner Exklave Kaliningrad Kurzstreckenraketen, auf die Atomsprengköpfe montiert werden können. Die Reichweite der Iskander-Raketen hätte mittlerweile Mittelstreckenformat, sagen die Amerikaner. Mittelstreckenraketen aber sind seit dem INF-Abkommen 1987 verboten. In diesem Abkommen ging es um Europas Sicherheit. In der russischen Militärdoktrin ist im Kriegsfall der Einsatz von Atomwaffen zu einem frühen Zeitpunkt vorgesehen. Dazu gehören auch taktische Atomwaffen im Gefechtsfeld. Die Nato ist spätestens seit dem Warschauer Gipfel im Juli dabei, sich auf die neue Lage einzustellen.

Die tiefere Logik der Abrüstungsverträge droht nun verloren zu gehen. Nachdem die Atommächte vor fünfzig Jahren mehrmals in den Abgrund eines Nuklearkrieges geschaut hatten, begriffen sie, dass nukleare Sicherheit nicht allein, sondern nur gemeinsam mit dem Gegner zu erreichen ist. Deshalb schloss man damals Abrüstungsverträge. Aber Wladimir Putin erweist sich heute als gelehriger Schüler und Epigone von George W. Bush, frei nach der Devise: "Sicherheit, die garantiere ich mir ganz allein." Putin lässt das russische Atomwaffenarsenal nicht schrumpfen, sondern modernisiert es in großer Eile. Und da die russischen konventionellen Streitkräfte für einen großen Krieg längst nicht mehr gerüstet sind, werden die Atomwaffen immer wichtiger für das Ziel: Russland soll ein absolut "souveräner Staat" sein.

Das Teuflische an dieser Logik ist, dass man sie durch pures Stillhalten und einseitige Abrüstung nicht durchbrechen kann. Sie würde nämlich das Gefühl der anderen Seite, Sicherheit ganz allein zu erreichen, noch verstärken. Wer zurück will zu einer Logik der Verhandlungen und der gegenseitigen Kontrolle, muss zeigen, dass der andere niemals sicher ist, wenn er stur aufrüstet. Man muss ihm ständig Verhandlungen anbieten. Und im Zweifel nachrüsten, wenn es nicht anders geht.