Nein, es gibt keinen Sound of Switzerland. Aber es gab ihn einmal im föderalistischen Plural: Sounds, ganz verschiedene, je nach Kanton oder Stadt. Bern, Solothurn, Biel, Lausanne, Luzern, Genf, Basel, Schaffhausen hatten ihr eigenes Pop-Parfum. Damals, als die Telefone noch Schnüre hatten oder bombensicher in die Wand gebohrt wurden. Als das Schweizer Fernsehen noch DRS hieß und Marktanteile einfuhr wie sonst wohl nur der Deutsche Fernsehfunk, der Staatssender in der DDR. Stimmt, der Vergleich ist unfair. Das Schweizer Fernsehen hat noch heute solche Marktanteile – wenn es auf Mundart sendet.

Auch in der Popmusik beschränkte sich das Besondere lange Zeit auf die Mundart. In den siebziger Jahren konnte man mit einem Soundtrack aufwachsen, den kein Mensch jenseits der Deutschschweiz kannte. Vielleicht lag man als Kindergärtner zum letzten Mal unschuldig mit einem Mädchen in der Badewanne, als der Sänger der Band Rumpelstilz von Sex keuchte, in der oralen Variante. Da Polo Hofer in Teddybär von einem Plüschtier sang, passierte das "französische Müntschi" die Zensur.

Wenig später schafften es die Öko-Hippies von Pfuri, Gorps & Kniri bis zur Eurovision. "Wir sind die Trödler und Compagnie, und machen Trödler-Musik", flötete die Berner Familienband Peter, Sue & Marc, während die Aargauer in Latzhosen die passenden Trödlergeräusche machten. Revoluzzer für das Reihenhaus, Aussteiger am Samstagabend. Als Einziger durchgesetzt hat sich Peter Reber, der Weltumsegler und erfolgreiche Liedermacher.

Polo und Co. haben die Mundart in die Popmusik gebracht, die damit Volksmusik werden konnte. In den Sechzigern war sie Protest, in den Achtzigern wurde sie Kunst. Über den Protest erfährt man am meisten bei Samuel Mumenthaler in seinem Buch BeatPopProtest – Der Sound der Schweizer Sixties (Edition Plus, 2001), den Kunstbegriff von Post-Punk und New Wave erklärt der Sammelband Heute und danach (Edition Patrick Frey, 2012). Auch zu Polo Hofer gibt es Bücher, aber ein regelmäßiger Blick in große Medien genügt: "Polo National" handelt von vielem, aber selten von Musik.

Wenn die Sprache im Vordergrund steht, soll die Musik nicht stören. Im Pop wichtiger als guter Gesang oder wertvolle Musik: das Korn der Stimme, das besondere Merkmal.

Die Schweiz ist nur in der Schweiz ein abendfüllendes Thema

Polo Hofer hat beides, bis an die Grenze zur Parodie, wenn die Pausen zwischen den Worten so lang werden, als hätte ein Politiker aus Versehen gekifft. Der andere Berner ist Kuno Lauener von Züri West, der den Hüftschwung in den Silben fand. Okay, sein Schlafzimmerblick und die leicht lädierte Sexiness haben mitgeholfen, nicht nur die Frauen aus dem Häuschen zu bringen.

Die Musiker von Züri West verstanden ihr Handwerk und verarbeiteten clever historisches Popwissen: Joe Jackson und The Police in den Anfängen, Grunge und etwas Hip-Hop zwischendrin, eine entschleunigte Highway-Mischung aus Americana und Country für die Zeit danach. Als bestünde die Schweiz aus endlosen Autobahnen mit leichten Kurven, damit man am Steuer nicht einschläft. Züri West, das sind die Textperformances von Kuno Lauener und eine sehr gute, aber niemals besondere Band. (Ich sage das als Fan der ersten Stunde, und das Herz tut ein bisschen weh.)

Als Hofer und später auch Lauener wichtig wurden, lag im Tonträgermarkt noch Wertschöpfung. Vinyl-LPs und CD-Formate sorgten selbst im kleinen Deutschschweizer Territorium für fette Beute; zumindest für die Spitzen-Acts. Dazu kamen die Tourneen, vom Gemeindehaus über das Jugendzentrum bis in die Mehrzweckhallen – zu Gagen, die viele heute nicht mehr haben.

Anfang der nuller Jahre brach das Tonträgergeschäft nach und nach ein, und kein Streamingdienst konnte die fehlenden Einnahmen ersetzen. Auch in der Schweiz nicht. Entweder man entscheidet sich heute also für das Hobby. So, wie es Christoph Fellmann in seinem Beitrag zum Band Time is Now in der neuen Reihe Pop Music Culture des Migros-Kulturprozents (siehe Kasten) beschreibt. Oder man macht den größten Fehler, den man im Kleinstaat machen kann: so klingen zu wollen wie der internationale Mainstream.

Der Traum vom Durchbruch im Ausland, ihm verfielen viele: von Dominique Alioths Wondertoys und den Lovebugs über Solothurns Hardrocker wie Killer, die sich mit AC/DC verwechselten, bis hin zu Krokus, denen für kurze Zeit etwas Erfolg in den USA beschieden war. Mit radiotauglichem Fistelschrei-Rock und dem talentierten Gitarristen Tommy Kiefer, bald aber mit lustigen Haaren und farbigen Gymnastikhosen. Oder war das etwa nicht als Witz gemeint? Zweifel kommen auf, ob der Ex-Krokus Chris von Rohr seine nationale Gesinnung, die man eine Weile auch als Männerrockklischee verstehen konnte, nicht doch ernst meint.

Aber wenn der Blick aus meiner Berliner Distanz nicht täuscht, haben sowohl die Musiker wie ihre Förderer die Lektion verstanden: Es bringt nichts, aus der Schweiz heraus globale Meterware anzubieten.

Weil Mainstream-Musik seit 20 Jahren anders produziert wird, als man das lange in Übungskellern und Verwaltungsstuben wahrhaben wollte. Die meisten Hits von den Backstreet Boys bis zu den komplexen Krachern von Rihanna entstehen in Teams, ja Labors, die über die Welt verteilt sind. Es gibt fast keine klassischen Bands oder Einzelkünstler mehr, die dem Bild des Genies entsprechen und damit zu Ruhm kommen. Global Pop ist Arbeit und Spitzenforschung, nicht Selbstverwirklichung.

Mit Schaudern erinnere ich mich an die Schweizer Auftritte an den Popmessen in Cannes oder Berlin vor zehn Jahren. Ein reiches Land trat mit peinlichem Kopistenpop in Erscheinung, und alle Nicht-Schweizer liefen davon. Dass die Schweiz kein Pop-Entwicklungsland ist, wurde erst später klar. Mit staatlicher Hilfe, auch im Ausland.

Man muss die Geschichte von Sophie Hunger nicht mehr en détail erzählen. Ihr Erfolg ist ein Lehrstück über den postdigitalen, postnationalen Musikmarkt und darüber, wie man mit Eigensinn überlebt, den man am Ende wieder schweizerisch nennen mag.

Postdigital: Sie hat ihren Ruf in Frankreich und Deutschland mit unablässigem Touren erspielt, nach dem Fiasko des digitalisierten Tonträgermarktes holt man die Leute wieder live auf seine Seite. Postnational: Ihren ersten großen Vertrag erhielt Hunger beim französischen Sitz eines Unterhaltungsmultis, ihr Manager pendelt zwischen Lausanne, Paris und Berlin. Und Hunger war nie eine Saalschmeichlerin, ihre Performance setzt Pausen, manchmal greift sie das Publikum höflich an. Dabei ist es ihr nie peinlich, aus der Schweiz zu sein.

Die Verhältnisse zum Tanzen bringen

Was in der Literatur seit Paul Nizons gleichnamigem Essayband von 1970 als Diskurs in der Enge herumgeistert und das Leiden der Schriftsteller an den geistig begrenzten, anti-intellektuellen Verhältnissen meint, spukt in der Popmusik anders durch die Zeiten. Es ist eine Dialektik, die nicht vom Leiden erzählt, sondern von der Lust an der Begegnung. Denn die besten Schweizer Popmusiker finden erst im Ausland zu ihrem helvetischen Eigensinn – und die meisten kehren auch ohne Groll zurück. Der gelungene Schweizer Pop führt keinen "Diskurs in der Enge", sondern will die Schweiz mit der Welt verbinden, um die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. "Disko in der Enge" passt besser, auch weil das deutsche k so schön bilateral knarzt.

Was Sophie Hunger erfolgreich gezeigt hat, der Berner Tobias Jundt mit Bonaparte im Party-Berlin der nuller Jahre irrwitzig performte und mit Mule&Man etwas kontrollierter fortsetzen will, was der Zürcher Liedermacher Faber in Deutschland gerade versucht, das steht alles in bester Tradition. Nur war sie lange unterbrochen.

Aber denken wir an den interessanten Teil der achtziger Jahre. Denken wir an die Young Gods aus Genf, deren Krachmaschinenmusik in England und Japan weiter wuchs, bis die Band im Endstadium der Plattenindustrie ein Jahr lang unverschämt viel Geld in New York City verbriet – proletarischer Internationalismus von Schweizer Buben. Dieter Meier von Yello kannte die Stadt bereits aus erfolgreicher Künstlerperspektive, als er mit Boris Blank die Dance-Clubs in Manhattan besuchte.

Es geht aber auch eine Nummer kleiner. Die Schaffhauser Gruppe Der Böse Bub Eugen hat ab 1983 die Beziehungen zum Norden gesucht. Der Akzent von Eugen-Sänger Stephan Ramming aus der Grenzgemeinde Thayngen verriet derweil nicht gleich die Heimat. Noch vor der Matura reiste die Band 1984 nach Berlin und nahm ihre ersten Lieder auf, mit Blick auf die Mauer. Später entstanden Freundschaften zu Hamburger Bands wie Blumfeld oder Die Goldenen Zitronen.

Erst im Kontakt zur Außenwelt kann Souveränität entstehen, wenn die Schweiz jenseits von Frust und einfacher Ironie angesprochen werden kann. Der Böse Bub Eugen sang 1988 in Pirmin: "Er hat die ganze Welt gesehen / Doch hier, hier liegt sein Glück". Das war doppeldeutig: Pirmin, der Skifahrer, meinte auch den damaligen Alpin-Star Pirmin Zurbriggen, einen gottesfürchtigen Biedermann auf Brettern, und doch zitterte in dieser Rückkehr in den Wohlstand auch die eigene Erfahrung der Band mit. Dieser Zwiespalt existiert noch heute, die Interviews mit Schweizer Musikern im Popbuch der Migros sprechen Bände.

Hochdeutsch hatten vor Eugen schon andere gesungen. Kleenex, die später Liliput hießen und längst in jeder New-Wave-Geschichte stehen. Und Hertz, wie Kleenex aus Zürich, die vielleicht allerbeste Schweizer New-Wave-Band, die im eigenen Land stecken blieb. Kein Wunder: Hertz hatte zwar einen deutschen Plattenvertrag, doch die Singleauskopplung war ausgerechnet Jodel. Weitere Titel: Gottharddurchstich und Willy Ritschard, benannt nach dem bodenständigen SP-Bundesrat dieser Zeit.

Die Schweiz ist nur in der Schweiz ein abendfüllendes Thema; ich habe selbst lange gebraucht, um das zu begreifen – es gelingt mir noch nicht immer.

Ging etwas vergessen? Klar, und zwar mit Absicht. Zum Beispiel die Metal-Band Celtic Frost aus Zürich, die 1984 mit einem deutschen Plattenvertrag einstieg. Und DJ Bobo aus Kölliken, der als Bäckerlehrling ein Unternehmen aufbaute. Beide mit großer Außenwirkung. Beide unmöglich unter den aktuellen Bedingungen der Musikindustrie. Thomas Gabriel Fischer, Gründer von Celtic Frost, wollte den jungen Schweizer Popmusikern kürzlich in der Tageswoche zeigen, wo der Hammer hängt. In der Art von: Alles Subventionskindergarten, was ihr hier macht, wir mussten uns noch alles mit eigenen Händen und so weiter – Großvater erzählt vom Aktivdienst. Dass Metal seit einem Vierteljahrhundert künstlerisch stagniert und nur als Verkleidungsmusik treuer Vereinsmitglieder ein Leben fristet, das wäre der springende Punkt. Darin unterscheidet sich Metal in keinster Weise vom Kinderzimmer-Eurodance, mit dem DJ Bobo große Hallen bespielt. Das ist nicht anrüchig, jedem sein Auskommen. Aber man hätte auch Sachbearbeiter werden können.