Als die Beamten den Garten auf Wichmanns Grundstück durchsuchen, schlägt ihr Metallsuchgerät aus. Sie bestellen einen Bagger, der den Boden aufreißt, und entdecken etwas Erstaunliches: Im Garten ist ein Auto vergraben, ein knallrotes neues Ford-Sportcoupé. Es sieht aus, als klebe auf dem Rücksitz Blut. Wieder schlägt der Leichenspürhund an. In dem Auto liegt jedoch keine Leiche.

In den darauffolgenden Wochen ist Wichmann auf der Flucht. Am 15. April 1993 verursacht er auf einer Landstraße bei Heilbronn einen Verkehrsunfall. Die Polizisten untersuchen sein Auto, finden Waffenteile und Munition, deswegen nehmen sie ihn mit zur Wache. Wichmann kommt in Untersuchungshaft. Dort erhängt er sich an seinem Gürtel. Es ist der 25. April 1993. Wichmann ist 43 Jahre alt geworden.

Damit enden die Ermittlungen. Die Polizei folgt einem Rechtsgrundsatz, der sich aus der deutschen Strafprozessordnung ergibt: Gegen Tote darf nicht ermittelt werden. Es ist dieses Prinzip, an dem viele Familien zerbrechen. Die Hinterbliebenen finden keine Ruhe, solange die Umstände des Todes des geliebten Menschen nicht aufgeklärt sind. "Ich bin 27 Jahre durch die Hölle gegangen", sagt Yasmine Meier, heute 47 Jahre alt. "Die jahrzehntelange Ungewissheit frisst mich von innen auf."

2002 geht Wolfgang Sielaff in den Ruhestand. Und nimmt sich den Fall seiner Schwester systematisch vor. Er bekommt Zugang zu den Ermittlungsakten und ist erschüttert. "Es war ein gespenstischer Moment", erinnert er sich. "Alle Beweismittel waren vernichtet worden." Sogar der rote Ford aus dem Garten ist verschwunden. Ein weiterer Fehler: Die Rigipswand im Haus des Friedhofgärtners ist nie genau untersucht worden. Heute möchte die Polizei zu diesen Vorgängen keine Stellung nehmen, das alles sei ja schon 27 Jahre her, teilt die zuständige Staatsanwaltschaft Lüneburg der ZEIT lapidar mit.

Mord verjährt nicht, die Beweismittel hätten aufbewahrt werden müssen. Und auch der Rechtsgrundsatz "Gegen Tote darf nicht ermittelt werden" galt in diesem Fall nicht – denn es gibt ja einen Menschen, den die Polizei immer noch für einen möglichen Täter hielt: Harald Meier, den Ehemann. Wenigstens um ihn zu entlasten oder zu überführen, hätte man die Beweismittel untersuchen und etwa die Nachbarn Wichmanns befragen müssen, die ja vielleicht mitbekamen, dass ein Auto vergraben wurde.

Sielaff gibt nicht auf. Er sammelt frühere Weggefährten um sich. Unter ihnen die Kriminalpsychologin Claudia Brockmann und der damalige Leiter des LKA Hamburg Reinhard Chedor – Experten auf ihrem Gebiet. Der Rechtsmediziner Klaus Püschel und der Rechtsanwalt Gerhard Strate beraten das Team. Immer wieder spekulieren sie über Motive, mögliche Tatabläufe und das Täterverhalten. Bald merken sie, dass es einen Zusammenhang geben könnte zu weiteren, bislang unaufgeklärten Morden. Sielaff und ein Ermittler aus seiner Truppe fahren noch einmal zu Wichmanns Haus. Das "geheime Zimmer" gibt es noch immer, nahezu unverändert. Sie entdecken Videos zweier Aktenzeichen XY ... ungelöst- Folgen: Über den Fall Birgit Meier. Und über die Göhrde-Morde. Sielaff teilt auch das der Polizei in Lüneburg mit. Wieder geschieht: nichts.

Im Jahr 2015 übernimmt der neue Polizeipräsident Robert Kruse die Führung des LKA Lüneburg. Ihn kann Sielaff überzeugen, eine Sonderkommission einzurichten, die den Fall seiner Schwester aufrollen soll. Die Kommission trägt den lateinischen Namen Iterum: "zum wiederholten Male". Die Einheit leitet der Ermittler Richard Kaufmann. Er erweist sich als großes Glück: Kaufmann ist ein akribischer Kriminalist, der in den vergangenen Jahren all seine Fälle aufgeklärt hat. Er lässt verschiedene Gräber auf dem Friedhof ausheben, auf dem Wichmann damals tätig war, genau jene sieben Gräber, die offenstanden, als Birgit Meier starb. Meiers Knochen findet man nicht. Kaufmann spricht mit Wichmanns Hinterbliebenen. Er befragt auch alte Schulfreunde und erfährt, dass Wichmann, früher Tiere gequält, getötet und in einem Waldstück vergraben haben soll.

Deswegen stapft an einem Septembermorgen 2016 eine Hundertschaft Polizisten durch einen Birkenwald bei Lüneburg. Sie tragen Gummistiefel, auf ihren Jacken steht der Name ihrer Einheit, NI7432. Alle paar Meter stechen sie mit Metallstäben tief in den Boden. Sie stochern nach dem Leichnam Birgit Meiers. Sie finden alte Glasflaschen, verrostete Dosen, und sie stoßen auf einen Schuh, halb aufgelöst. Aber sie finden keine menschlichen Überreste.

Doch auch ohne Leiche ist der Fall jetzt geklärt. Denn der Chefermittler Kaufmann findet heraus, dass die Handschelle aus Wichmanns geheimem Zimmer damals zur Untersuchung an die medizinische Hochschule Hannover gebracht wurde. Und der zuständige Experte sagt, er werfe nie etwas weg und verspricht, die Handschelle zu untersuchen. Das Ergebnis: eine Blutspur, groß wie ein Stecknadelkopf. Birgit Meiers Blut. Damit steht fest: Wichmann fesselte Birgit Meier und tötete sie. Kaufmann geht nun davon aus, dass Wichmann versucht habe, Birgit Meier zu entführen und von ihrem Mann Lösegeld zu erpressen. Und Kaufmann vermutet, dass ein zweiter Täter an der Entführung beteiligt war. Eine Nachbarin hat in jener Nacht einen laufenden Motor gehört. Aber etwas muss schiefgelaufen sein, etwas, das Birgit Meier das Leben kostete.

"Damit ist die Geschichte noch längst nicht zu Ende", sagt Sielaff. Er ist sich sicher, dass dieser Fall eine weitere, bislang unbekannte Dimension hat. Er wird keine Ruhe geben. Denn es gibt noch Angehörige von Opfern anderer Verbrechen, deren Fälle nie geklärt wurden. So wie Anja K., deren Eltern in der Göhrde ermordet wurden. Wer steckt dahinter? Wichmann, der Friedhofsgärtner, könnte die Schlüsselfigur zu all diesen Verbrechen sein, meint Sielaff. Kann sein Bruder, zu dem er eine sehr enge Beziehung hatte, entscheidend Auskunft geben? Polizeipräsident Kruse hat eine neue Sonderkommission gegründet, die klären soll, wer die Doppelmorde im Totenwald beging.

Erstaunlicherweise ist das Haus, in dem Wichmann wohnte, bis heute fast unverändert. Es steht nur wenige Meter von dem Waldgebiet entfernt, durch das die Hundertschaft Polizisten streift. Klingelt man, geschieht zunächst nichts. Dann ertönt von drinnen ein unheimliches Gebell. Sind das wirklich Hunde?

Fortsetzung nächste Woche