Als der Bundestag den Mindestlohn verabschiedete, sparten seine Befürworter nicht mit großen Worten. Es handele sich um einen "Meilenstein in der Arbeits- und Sozialpolitik", verkündete Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles. Andere Parlamentarier sprachen von einer "historischen Stunde" oder vom Mindestlohn als einer "der größten Sozialreformen in der Geschichte der Bundesrepublik". Heute, knapp zwei Jahre nach seinem Inkrafttreten, wird immer deutlicher: Der Mindestlohn hat erstaunlich wenig bewirkt. Die großen sozialen Fragen, über die seit Jahren debattiert wird, sind nach der Einführung des Mindestlohns so wenig gelöst wie zuvor.

Beispiel Aufstocker: Vor der Einführung des Mindestlohns hieß es, Arbeit müsse zum Leben reichen, es sei ein Skandal, wenn Menschen sich ihr Gehalt noch mit Hartz IV aufstocken lassen müssten. Das sollte der Mindestlohn stoppen. Doch im vergangenen Jahr bezogen 1,13 Millionen Menschen gleichzeitig Lohn und Hartz IV, und damit fast genauso viele wie im Jahr zuvor – 1,18 Millionen. Der Rückgang ist minimal.

Beispiel Armut: Vor der Einführung des Mindestlohns galten 15,4 Prozent der Bevölkerung als armutsgefährdet, danach 15,7 Prozent. Es gibt also nun nicht weniger, sondern sogar ein wenig mehr Arme als vorher.

Beispiel Ungleichheit: Der sogenannte Gini-Koeffizient ist der international gängigste Maßstab für Ungleichheit. Beträgt er null Prozent, herrscht keine Ungleichheit (alle Einkommen sind völlig gleich). Erreicht er 100 Prozent, ist die Ungleichheit maximal (ein Einziger hat alles). Vor dem Inkrafttreten des Mindestlohns ermittelte das Statistische Bundesamt für Deutschland einen Gini-Koeffizienten von 29 Prozent. Nach Einführung des Mindestlohns liegt dieser Gini-Wert immer noch bei ebenjenen 29 Prozent. Es hat sich nichts geändert.

Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt © ZEIT-Grafik

Wie ist das möglich? Es gibt viele denkbare Erklärungen, doch die wichtigste dürfte sein: Der Mindestlohn ist schlicht das falsche Instrument, um Armut und Ungleichheit in großem Maßstab zu verringern. Er taugt dazu, extrem niedrige Löhne zu unterbinden, und er beschert einigen Arbeitnehmern ein spürbar höheres Gehalt – das soll nicht kleingeredet werden. Schätzungen zufolge haben bis zu vier Millionen Menschen von dieser Lohnerhöhung profitiert. Das ist enorm, trotzdem reicht es nicht, um das Problem der Armut zu lösen. Die Annahme, der Mindestlohn sei "der wichtigste Baustein zur Armutsvermeidung", wie es der frühere DGB-Chef Michael Sommer einmal behauptete, ist falsch.

Man könnte einwenden, der Mindestlohn wirke nur deshalb noch nicht, weil er massenhaft umgangen werde. Weil Arbeitgeber ihn einfach nicht zahlten. Doch viele Experten bezweifeln das. Die Löhne im unteren Bereich seien nachweisbar gestiegen, sagt etwa Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Und: "Aufgrund der Erfahrungen in anderen Ländern ist anzunehmen, dass der Mindestlohn nicht in großem Maßstab umgangen wird."

Denkbar wäre, dass andere Entwicklungen die positive Wirkung des Mindestlohns überlagern – etwa der Zustrom an Flüchtlingen im vergangenen Jahr. Aber auch das erklärt nicht das ganze Phänomen. Schaut man nur auf die Einwohner ohne Migrationshintergrund, waren im Jahr 2015 ebenso viele von ihnen arm wie im Jahr zuvor, für sie ist also ebenfalls kein Mindestlohn-Effekt nachweisbar.