Nichtmedizinern dürfte kaum bekannt sein, dass das Stricken schon seit Längerem die Medizin beschäftigt. An die Öffentlichkeit dringen vor allem die Negativmeldungen. Gelegentlich berichten Chirurgen über Stricknadeln, die sie operativ entfernen mussten (eine wanderte 33 Jahre lang durch einen Frauenkörper). Manische Maschenkünstler klagen regelmäßig über Sehnenscheidenentzündungen.

Abgesehen von diesen unangenehmen Nebenwirkungen gibt es aber vor allem wissenschaftliche Hinweise auf die heilsamen Kräfte des Strickens. Die meditative Fingerübung senkt Puls und Blutdruck, Stricken lenkt von Schmerzen ab, es kann sogar Ängste und Depressionen mildern – besonders wenn in einer Gruppe gestrickt wird.

In den USA knüpfen inzwischen harte Kerle hinter Gittern nicht nur verbrecherische Verbindungen, sondern auch flauschige Mützchen. An der Dorsey Run Correctional Facility in Jessup, Maryland, sollen die Insassen auf diese Weise mit jeder Masche ein wenig mehr "Disziplin, Empathie, Geduld und professionelle Arbeitseinstellung" erlernen. Kein Wunder, dass sogar kerlige Schauspieler wie Ryan Gosling (Gangster Squad) zur Entspannung gern mal mit den Nadeln klappern.

Doch nun droht dem meditativen Heilkraft-Hobby Rationalisierung. Menschen, die ihre Kontemplation eher beim Löten, 3-D-Drucken und Programmieren finden, treten zum Maschensturm mit der Maschine an. In der sogenannten Maker-Szene ist Stricken 4.0 angesagt. Bei den Machern gleitet die Wolle nicht mehr lautlos durch flinke Hände, sie rattert computergesteuert an langen Reihen von Stricknadeln vorbei. Ritsch, ratsch, fertig sind die verrücktesten Muster und Formen. Der Spaß besteht eben nicht in der beruhigend gleichförmigen Bewegung der Hände. Der Kick steckt im selbst gestrickten Code, der die Maschinen in Bewegung versetzt.

Wie heise.de berichtet, haben dieser Tage die Disney-Research-Laboratorien (deren Logo ist die Mickymaus) das Ergebnis einer Kooperation mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) publiziert: einen Compiler für 3-D-Strickmaschinen.

Mit diesem Programmierwerkzeug lassen sich Strickautomaten noch einfacher als bisher zu Kunststücken animieren. Zwar spucken Industriestrickmaschinen schon lange Maschen am laufenden Band aus. Ihre Programmierung war indes für Laien hakelige Esoterik. Die Forscher vom MIT haben nun raffinierte Knüpf-Algorithmen für geometrische Grundformen erschaffen. Aus Flächen und Schläuchen lassen sich am Bildschirm wild gemusterte Handschuhe, Schals oder Mützen zusammenklicken.

Die sogenannte knitting assembly language instruiert dann die Automaten, wie locker oder eng Schleifen gebildet werden und welche Häkchen wo unter das Garn fassen müssen. In den Schläuchen entstehen Ausbuchtungen und Verengungen. Ganz ohne Malaisen produziert eine Shima-Seiki-15-Nadel-Strickmaschine auf diese Weise bereits einen Schal mit Tasche oder einen wollenen Teekesselüberzug. Natürlich können erste "Finger"-Übungen wie diese echte Handstricker nicht beeindrucken, aber mit der Strick-Programmiersprache lassen sich im Prinzip die verrücktesten Dinge produzieren.

Die neue Masche ist die logische Fortsetzung einer Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat, alles, was bisher kleinskalig manuell oder großskalig industriell hergestellt wird, mithilfe eigener Heimtechnik nachzubauen. Der 3-D-Drucker ist zum Symbol der Maker-Szene geworden; CNC-Maschinen fräsen in sogenannten Fab Labs Werkstücke aus Metall; starke Laser brennen sich millimetergenau durch Holz- und Plexiglas.

2013 bereicherte der spanische Designer Gerard Rubio den Werkzeugschrank des Bastlers mit einer Art computergesteuertem Webstuhl, der indes keine Tuchbahnen ausspuckte, sondern Strickpullover am Stück. Das Projekt nannte sich OpenKnit, denn es folgte dem Open-Source-Gesetz der Maker-Szene: Gerard Rubio machte alle Codes und Bastelanleitungen frei zugänglich.