Ein paar Tage brauchten die Männer, um mit Gittern und Mörtel das "Königreich des Todes und des Wahnsinns" nachzubauen: eine Gefängniszelle, vier mal sechs Meter groß, darin keine Pritschen, nur dünne Matratzen. Ein aufgeschnittener Plastikkanister als Pissoir. In der Decke ein großes vergittertes Loch, durch das man sie ständig beobachten kann. Die Männer schlüpfen in zerfetzte Hemden, schlabbrige Hosen und Badeschlappen und nehmen ihre Rollen ein. Wobei Rolle das falsche Wort ist. "Ich spiele das nicht", sagt Raymond Bouban, einer der Protagonisten. "Ich werde zurückkatapultiert. Ich bin plötzlich wieder in Tadmor." Dieses Mal vor laufender Kamera.

Tadmor heißt der neue Film des deutsch-libanesischen Regisseurpaares Monika Borgmann und Lokman Slim, in dem sich 22 ehemalige Gefangene des syrischen Regimes für einen Tag und eine Nacht in ihre Zelle zurückversetzt haben. Tadmor, über 200 Kilometer nordöstlich von Damaskus in der syrischen Wüste gelegen, ist eine Stadt mit zwei Gesichtern. Die Welt kennt sie unter dem Namen Palmyra, ein Sehnsuchtsort aus römischen Zeiten, der vom "Islamischen Staat" erobert wurde, um hier Massenexekutionen durchzuführen und Teile des Weltkulturerbes zu zerstören.

Syrer und viele Libanesen kennen Palmyra unter dem Namen Tadmor, und das heißt: als einen Ort des Schreckens. Hier, in einem Militärgefängnis, richtete Hafis al-Assad 1971 das schlimmste Folterzentrum des Landes ein. Sein Sohn und Nachfolger Baschar nutzte es, um den Aufstand von 2011 zu unterdrücken. 2015 wurde es in weiten Teilen zerstört – ausgerechnet durch den IS.

Mit ihrem Film kehren Borgmann und Slim zurück an diesen Ort. Tadmor, der gerade auf dem Filmfest Hamburg zu sehen ist, weitet den Blick für die Vergangenheit – und bleibt trotzdem beklemmend aktuell.

Die Männer, die hier in ihre Zelle zurückkehren, gehören nicht zur syrischen Opposition. Es sind Libanesen und Palästinenser, die in den achtziger Jahren verschleppt wurden, während des Bürgerkriegs im Libanon. Das Syrien des Hafis al-Assad war damals Besatzungsmacht im kleinen Nachbarland. Zahlreiche Libanesen verschwanden in den Verhörzentren, unterschrieben unter Folter Geständnisse – oft wegen angeblicher Spionage für Israel – und landeten dann in Tadmor.

Die meisten Protagonisten des Films kamen 2000 durch eine Amnestie frei, die Baschar al-Assad nach dem Tod seines Vaters erlassen hatte – doch durften sie nicht über ihre Erlebnisse reden. Einige taten es trotzdem sofort. Die anderen begannen 2011 zu sprechen, als das Gefängnis nach einigen Jahren der Schließung mit dem Beginn des syrischen Aufstands wieder eröffnet wurde.

Wenig später trafen die libanesischen Ex-Häftlinge erstmals auf die Filmemacher. Borgmann und Slim leiten in Beirut das UMAM-Dokumentationszentrum, eine der wenigen Einrichtungen im Libanon, die sich mit dem großen Tabuthema des Bürgerkriegs befasst. "Wann immer den Männern in den Gesprächen die Worte ausgingen", erzählt Borgmann, eine 52-jährige ehemalige Journalistin, "sprangen sie auf und spielten das Erlebte nach." So entstand zunächst ein Theaterstück über einen Tag in Tadmor, das die Ex-Häftlinge 2013 in Beirut und in mehreren deutschen Städten aufführten. Danach kam der Film.

"Das Königreich des Todes und des Wahnsinns" – so hat der syrische Dichter Faradsch Bairakdar das Gefängnis beschrieben, der ebenfalls mehrere Jahre dort einsaß. In Tadmor wurde nicht verhört, es gab nichts mehr zu gestehen. Es war ein Ort der Qualen. Neuankömmlinge wurden mit einer "Willkommensparty" empfangen: 300, manchmal 500 Schlägen, meist auf die Fußsohlen. Manche starben wenig später an den Wunden. Die meisten Häftlinge wurden in Sammelzellen mit mehr als 200 Insassen eingepfercht. Es gab keine Bücher, nichts zu schreiben, keine Tische, kein Essgeschirr. Wärter anzusehen oder anzusprechen, nach oben durch das Gitter zu blicken, sich nachts zu bewegen oder aufs Klo zu gehen – all das war verboten. Jeder tatsächliche oder vermeintliche Verstoß wurde bestraft: durch den Befehl, Kakerlaken zu essen, durch Peitschenschläge auf Kopf und Hände, und immer wieder mit dem "Reifen".

Der Häftling wurde mit Händen und Füßen in einen Autoreifen gezwungen, dann auf den Rücken gelegt, und musste die 200 oder 300 Schläge auf die Fußsohlen zählen. Entwich ihm ein Schmerzensschrei, begann die Tortur von vorn.

Wer das filmisch dokumentieren will, indem er die Opfer vor der Kamera das Erlittene noch einmal durchleben lässt, riskiert zweierlei: die Betroffenen zu retraumatisieren. Und den Betrachter in die Rolle des Voyeurs zu zwingen. Tadmor hat beides vermieden.