DIE ZEIT: Am vergangenen Wochenende enttäuschten vor allem die Mannschaften, deren Trainer auf die Kraft der Rotation vertrauten und bis zu sechs Spieler im Vergleich zu den internationalen Wettbewerben unter der Woche austauschten: München spielte unentschieden zu Hause gegen Köln, Dortmund verlor in Leverkusen, Mönchengladbach auf Schalke.

Thomas Hitzlsperger: Das hat mit Rotation wenig zu tun. Mönchengladbach ist bekannt für seine Auswärtsschwäche. Dortmund hätte auch mit der Elf, die gegen Real Madrid am Dienstag spielte, gegen Leverkusen Schwierigkeiten bekommen. Und Bayern München hat die Rotation gewissermaßen erfunden und dadurch viel erreicht.

ZEIT: Das heißt doch, dass Rotation die Voraussetzung für den Erfolg ist.

Hitzlsperger: Heute ist sie das. Ohne Flexibilität kann eine Mannschaft nicht mehr auf höchstem Niveau triumphieren.

ZEIT: Und früher war das nicht so? Weil der Kader zu Ihrer Zeit schmaler war?

Hitzlsperger: Nicht der Kader war schmaler, aber die Zahl der Spitzenspieler war geringer. Die Clubs waren dadurch abhängig von wenigen Spielern. Sowohl die Bayern als auch die Dortmunder haben heute Spieler auf der Bank sitzen, die ohne Qualitätsverlust über die Saison hinweg immer wieder bedenkenlos eingesetzt werden können.

ZEIT: Weil sie sonst nicht bis zum Ende der Saison durchhalten würden?

Hitzlsperger: Richtig. Die Trainer müssen jetzt mit der Rotation beginnen und nicht erst im Winter. Sonst erreichen nicht alle Spieler das gleiche Fitness- und Qualitätsniveau – das weiß ich aus eigener Erfahrung.

ZEIT: Man konnte den Eindruck gewinnen, manchen Spielern fehlte noch ein wenig Orientierung auf dem Platz. Wann müssen die Teams eingespielt sein?

Hitzlsperger: Den Eindruck hatte ich nicht. Das Erfreuliche war, dass der 1. FC Köln nicht nach München gereist ist und nur auf Schadenbegrenzung aus war. Leverkusen spielte gegen bis dahin sehr gute Dortmunder ebenfalls überaus selbstbewusst. Vielleicht erleben wir also eine spannende Bundesliga-Saison. Neben Bayern und Dortmund haben übrigens auch Pep Guardiola mit ManCity sowie der FC Barcelona verloren. Ich habe mich gefragt, ob die hohe Zeit des Ballbesitzfußballs möglicherweise zu Ende gehen könnte ...

ZEIT: ... ob also Bayer Leverkusen oder Atlético Madrid, beides Teams, die das Spiel gegen den Ball perfektionieren, das schöne Spiel auf Dauer nicht nur zerstören, sondern am Ende gar ganz verdrängen könnten?

Hitzlsperger: Ja, darüber habe ich nachgedacht. Aber am Ende werden die Titel meistens von den Mannschaften errungen, die sich zuerst um Ballbesitz bemühen und dann an die Eroberung denken und nicht umgekehrt. Bayern München, Real Madrid, FC Sevilla und der FC Barcelona, das sind Champions, und die spielen lieber mit dem Ball. Deshalb gehe ich jetzt einfach mal davon aus, dass die Niederlagen dieser Mannschaften keine Trendwende einleiten.

ZEIT: Vielleicht sind Sie auch einfach nur Romantiker.

Hitzlsperger: Das hat mit Romantik nicht viel zu tun. Beide Spielideen entwickeln sich immer noch weiter. Diese Entwicklung zu beobachten ist äußerst spannend.