Fragt der Twitter-User die Frankfurter Polizei: "Was für eine Strafe droht einem als Jugendlicher, wenn man mit 1-5 g Grass erwischt wird?". Twittert die Frankfurter Polizei zurück: "Welches Buch?" Grass, Günter. Sie verstehen. Hier spricht die Polizei – und sie macht Witze!

Nicht nur in Frankfurt posten die Behörden neuerdings lustige Sachen wie diesen Grass-Tweet, der im Juni durch die Netz-Decke ging. Auch in Berlin sind die Polizisten (und ihre Social-Media-Teams) sehr komisch drauf. Beim Oktoberfest letzte Woche waren es die Münchner Beamten, die unter dem Hashtag #Wiesnwache alle möglichen Kuriositäten twitterten und tausendfach retweetet wurden.

Am beliebtesten: Der über den betrunkenen Engländer, der auf die #Wiesnwache kommt und seinen Dildo zurückhaben will. Großes Zwinkersmiley, und überall in den Medien der Link mit dem üblichen Hinweis: Darüber lacht das Netz.

Die lustigen Polizisten arbeiten mit Wortspielen ("Kleiner Hinweis am Rande: ›No Smoking‹ im Zelt ist keine Kleidervorschrift"), mit Ironie ("Betrunkener uriniert absichtlich in unser Dienstfahrzeug beim Transport von der #Wiesnwache zur Haftanstalt. Toll.") und mit dem anspruchsvollen Stilmittel der literarischen Parodie. (Ein Berliner Polizeibericht im altdeutschen Stil: "Ein Depeschenreiter überbrachte uns soeben eine frohe Kunde: Den edlen Rittern unserer Zunft gegen Beutelschneider gelang ein feudaler Hieb gegen dreiste Missetäter.")

Dabei nehmen die Polizisten sehr viele Emojis zu Hilfe, weil sie Angst haben, dass ihre Witze sonst nicht verstanden werden. Manchmal probieren sie es auch mit Selbstironie. Noch lieber aber tun sie das, was sie früher der Boulevardpresse überlassen haben. Sie machen Witze über dummdreiste Einbrecher, bockige Rentner und besoffene Teenager. (Die Münchner Polizei: "Jugendl. in Selbstfindungsphase testet ausgiebig Auswirkung von Alk. auf Körper. Test abgebrochen! Mutti wird begeistert sein".)

Das ist eine neue und interessante Entwicklung. Denn eigentlich war es ja immer umgekehrt. Polizisten waren wie Ostfriesen und Rechtsanwälte. Sie waren diejenigen, über die man die Witze gemacht hat – vom übereifrigen Dorfbeamten in deutschen Komödien bis hin zu den Keystone Cops im amerikanischen Stummfilm –, die Bande von inkompetenten Polizisten, die auf wilden Verfolgungsjagden alles über den Haufen fahren. Und das war gut und richtig so. Humor ist im besten Fall immer auch ein bisschen subversiv, er fordert die Autoritäten heraus und stellt sie bloß. Jetzt also lacht der Staat seine Bürger aus, und man darf sich schon fragen, wo das noch hinführen soll.

Mokiert sich das Berliner Oberlandesgericht twitternd über den Angeklagten? Stellt die Agentur für Arbeit in Nürnberg Interviews mit den dümmsten Hartz-IV-Empfängern ins Netz? Versieht das Stuttgarter Finanzamt Steuererklärungen mit sarkastischen Kommentaren ("Seit wann ist Pornografie steuerlich absetzbar?") und postet sie auf Facebook?

Was die Polizei angeht, so kann man nur hoffen, dass die Beamten mit ihrer neuen Munition – den Emoji, dem beißenden Witz, der scharfen Ironie – so vorsichtig umgehen wie mit ihren Schusswaffen. Sonst wär es bald nicht mehr ganz so lustig. Dann twittert die Mordkommission vom Tatort: "Eifersüchtiger Ex-Freund hat Braut zerstückelt – schade ums schöne #Hochzeitskleid". Zum Zugunglück heißt es: "Ooops, wir haben hier 53 Tote und ein paar Zerquetschte :))".

Und vom Kölner Untersuchungsausschuss kommt die literarische Parodie zur Silvesternacht: "Mehr als tausend schurkenhafte Unholde aus dem Morgenland haben sich an unzähligen deutschen Mägden vergangen. Doch die edlen Ritter unserer Zunft, denen sich der grausliche Anblick bot, griffen nicht ein, weil sie gar wen’ge waren!"