An einem Ort in Hamburg, der hier nicht verraten wird, stehen in einem Vorgarten, für Passanten gut erreichbar, gewöhnlich ein Dutzend Gläser Marmelade. Sie sind auf einem kleinen Tisch angerichtet, in Griffhöhe hinter dem Zaun, geschützt von einem Baldachin. Daneben steht eine Schatulle für das Geld. Kein Mensch weit und breit.

Wer das Glück hat, hier einkaufen zu können, bekommt mehr als nur Marmelade. Hier wird ein Lebensgefühl erzeugt, und mit jedem Jahr, das dieses kleine Geschäft nun existiert, wird das Gefühl deutlicher und beständiger.

Hier bist du sicher.

Die Menschen, die hier entlangkommen, verdienen dein Vertrauen.

Die Sorte Mensch, deretwegen es Ladendetektive und Sicherungsetikette gibt, kommt hier nicht her.

Wahrscheinlich haben nicht Wohngebiete, sondern nur Menschen so etwas wie ein Lebensgefühl, aber wenn es für diese Gegend ein spezifisches Lebensgefühl geben sollte, wäre Sicherheit ein Teil davon. Und die hiesige Kriminalstatistik passt dazu.

Was lässt sich sonst über diesen Ort sagen?

Das Haus hinter dem Zaun dürfte, wie die meisten Häuser der Straße, in den 1960er Jahren erbaut worden sein. Seither wurde es, wie etliche Nachbarhäuser auch, durch Anbauten beträchtlich erweitert. Hundert Meter von dem Haus entfernt befindet sich ein Wäldchen, etwas weiter weg ein paar kleine Seen und mehrere Fußballplätze. Ansonsten sieht man im Umkreis kaum etwas anderes als Ein- und Zweifamilienhäuser, Vorgärten und Carports.

Ist dies ein Vorort? Eine Schlafstadt? Die Peripherie? Keine Bezeichnung passt

Wie soll man eine solche Gegend nennen? Vorort? Vorstadt? Stadtrand? Peripherie? Suburbia? Es gibt viele Bezeichnungen, gemeinsam ist den meisten, dass sie nicht beschreiben, was sie benennen wollen, sondern es in Beziehung setzen zu dem, was aus der Perspektive des Sprechers das eigentlich Interessante ist: die Stadt, genauer gesagt ihr Zentrum.

Das Häuschen im Grünen mag für einige ein Sehnsuchtsort sein. Im Übrigen aber begegnet das Zentrum seiner Peripherie mit Ignoranz.

Schlafstadt? Das trifft es schon besser, auch wenn in einiger Entfernung ein Dutzend Betriebe ein kleines Gewerbegebiet besiedeln. Allerdings hat unsere Gegend auch ihr eigenes kleines Zentrum ausgebildet, mit Einkaufsmöglichkeiten, Ärzten und Kirche. Sie ist mehr als eine Schlafstadt.

Unter all den Bezeichnungen ragt eine heraus, weil sie so sehr in die Irre führt. Im Grunde verrät sie mehr über den Sprecher und seine Empfindungen – Neid und Missgunst – als über seinen Gegenstand. Die zentrumsfernen Teile der Stadt mögen alles Mögliche sein, eines sind sie nicht: ein Speckgürtel.

Wieso Speck? Sicher, einer begüterten Minderheit bietet die Vorstadt einen speziellen Luxus: 11 von 14 Reitställen stehen hier draußen, und natürlich liegen alle vier Golfplätze am Stadtrand.

Vielleicht ist es dieser offen zur Schau gestellte Wohlstand, der den Blick auf die Wirklichkeit der Vorstadt trübt. Als die Siedlungsgeografen der ehemaligen Stadtentwicklungsbehörde vor drei Jahren einen Atlas von Suburbia erstellten, wie sie es nannten, zählten sie 54 von 104 Stadtteilen dazu, halb Hamburg – und zwar eine weniger wohlhabende Hälfte. In der Innenstadt beträgt ein Durchschnittseinkommen gut 43.000 Euro, draußen liegt es um 29.000 Euro.