Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, aber es geht schon um Leben und Tod. Der Seeadler hebt von einem Baumstumpf ab. Kraniche und Silberreiher stieben auf dem flachen Wasser auseinander. Die Frühstücksgesellschaft im Hochmoor trompetet und schnattert panisch. Denn hungrige Seeadler genehmigen sich gern mal einen verschlafenen Jungvogel zum Start in den Tag. Wie gewaltig laut es sein kann in dieser Einsamkeit.

"Näher als hier kommt ihr nirgendwo an Kraniche heran", hat Naturführer Günther Hoffmann meiner Familie und mir versprochen. Neben zwei frei stehenden Weiden baut er sein Spektiv auf, eine Mischung aus Fernrohr und Digitalkamera. Und wirklich, durch die Linse sieht man die Vögel lebensgroß auf ihren dürren Beinen im flachen Wasser herumstaksen. Einen Fernrohrschwenk weiter beginnt der Adler jetzt mit seiner krummschnabeligen Gefährtin die Morgentoilette. Um sie herum recken Hunderte tote Eichen ihre Äste aus dem schwarzen Wasser in den Himmel. Der größte Hochmoorwald Deutschlands am Stettiner Haff: ein gespenstisches Bühnenbild für dieses spätsommerliche Vogeltheater. Als ich aufschaue, steigt hinter den Baumgerippen unwirklich groß die Sonne auf und zieht ihre rote Farbspur über das Brackwasser. Da heben auch die Kraniche noch einmal ab: erst vier, dann sechs. Immer mehr formieren sich im feurigen Morgenhimmel. "Das ist der totale Kitsch hier!", ruft Hoffmann uns zu.

Genauso meinungsfreudig habe ich ihn kennengelernt; elf Jahre ist das her. Damals hätte ich nicht gedacht, dass wir einmal gemeinsam in der Morgendämmerung zur Kranichwanderung aufbrechen würden. Wir waren einer anderen Spezies auf der Spur, die seit Jahren ebenfalls ungewöhnlich zahlreich in dieser Region zu beobachten ist: Neonazis. Auch an sie kommt man nirgendwo näher heran als hier im östlichen Vorpommern.

Wir trafen uns damals in einem Café etwa 15 Kilometer weiter, in der Kleinstadt Anklam. Hoffmann war zu dieser Zeit noch nicht Naturführer, sondern die Außenstelle des Bundesprogramms gegen rechts im äußersten Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns. Schon in den neunziger Jahren hatte sich der gebürtige Garmischer bei einem Ausflug ans Haff in die Landschaft verliebt, war mit Frau und Kind von Berlin in den Weiler Bugewitz gezogen. Nun legte er in seiner neuen Heimat rechtsextreme Netzwerke offen und erarbeitete sich so einen Ruf als Nestbeschmutzer. Ich traf ihn, weil ich verstehen wollte, warum Neonazis ausgerechnet in diesem Landstrich so dramatisch an Einfluss gewannen.

Einen Monat lang lebte ich in einem reetgedeckten Gehöft hinter der Bugewitzer Dorfkirche, das Hoffmann mir als Unterkunft empfohlen hatte. Es war Dezember. Die Gegend am Haff wirkte sibirisch, Eiswind blies über die Moorflächen. Ich suchte nach Spuren des rechten Alltags und fand sie, zahlreicher als gedacht. Beim Bäcker im Nachbardorf hieß das dunkelbraune Mischbrot "Glatze". Ein paar Kilometer weiter fand der Dorfbürgermeister nichts dabei, Neonazis den Jugendclub zu überlassen. Den Schlüssel verwahrte ein Teenager aus dem Ort, er trug einen Pulli mit dem Schriftzug einer Rechtsrockband, als er mir die Gemeinderäume aufschloss. Die meisten im Dorf störte das alles nicht, sie schimpften auf die Regierungen in Schwerin und Berlin. Nichts schien stärker in dieser entlegenen Region als das Gefühl, abgeschrieben und unverstanden zu sein. Meine Reportage trug den Titel Das vergessene Land. Darin stand der Satz: "Urlauber rauschen nur vorbei an dieser Gegend auf der Fahrt nach Usedom."

Und jetzt bestaune ich als Feriengast morgens um sechs unter diesem orangeroten Postkartenhimmel im Naturpark das Vogelfrühstück. Die Gegend ist mir inzwischen vertraut – als Rückzugsraum aus dem Großstadtalltag. Drei Sommer haben wir als Familie hier verbracht, am Küstenstreifen zwischen Anklam und Altwarp. Mal kamen wir an Nikolaus, dann über Ostern. An diesem ungewöhnlich warmen Septemberwochenende sind wir wieder hier, um die letzten Sonnenstrahlen einzufangen.

Es ist der Samstag nach der Landtagswahl. Statt der NPD hat die AfD neue Rekorde in den Dörfern Vorpommerns erzielt. Die Plakate sind gerade erst von den Laternenmasten abgehängt worden. Im Internet kursiert eine "Reisewarnung" mit den schlimmsten AfD- und NPD-Wahlergebnissen von der Ferieninsel Usedom. "Diese Wahl hat nur noch einmal verdeutlicht, wie verschissen der Stadtstrand von Berlin ist", schreibt ein Bekannter auf Facebook. In der taz schimpft ein Redakteur, er könne nicht unbeschwert seine Ferien in einer Gegend verbringen, "in der ein relevanter Bevölkerungsanteil aus rechten Arschlöchern besteht".

Kann man sich wohlfühlen in einem politischen Notstandsgebiet wie Vorpommern? Das fragten wir uns vor unserer ersten Reise auch. Bei einer meiner Recherchen über die rechte Szene hatte Hoffmann mir eines Tages vorgeschlagen: Kommt doch zum Strandurlaub ans Haff! Er hatte damals damit begonnen, Feriengäste durch die Naturparks zu führen; inzwischen ist er auch ehrenamtlicher Naturschutzwart. Sein Geheimtipp klang für uns erst mal schräg: Badeferien unter Nazis? Andererseits wohnte Hoffmann ja selbst dort, und das unglaublich gern, wie er uns vorschwärmte – obwohl er niemand war, der Neonazis einfach ignorierte. Dann sollten wir es wohl auch mal zwei Wochen da aushalten können.