Auf Seite 194 dieses Romans steht ein Satz, welcher die Lebensproblematik seines Protagonisten und vielleicht auch die stilistischen Probleme des Buches selbst zusammenfasst: "Das Lieben, das Vergehen darin, alles Schmelzen, er hatte es immer vermieden und dafür Bücher gemacht, die davon erzählten, jedes durch seinen Stift so verschlankt, so ausgedünnt, bis nichts mehr darin weich war, faulig, süß, nur noch Sätze wie gemeißelt, ohne die Klebrigkeiten, die Widerhaken der Liebe, all ihr Unsägliches."

Die Rede ist von Julius Reither, einem ehemaligen Verleger und Buchhändler, der von seinem Schöpfer Bodo Kirchhoff wie ein Internatszögling immer nur beim Nachnamen genannt wird. Reither, der zur Liebe weniger fähig war als zum Büchermachen, ist der Protagonist von Widerfahrnis, Kirchhoffs neuem Werk, das für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Es ist ein Roman, der die Geschlossenheit einer großen Novelle besitzt.

Allerdings hat er nicht die sprachliche Strenge einer großen Novelle. Reither, der in seinem Verlegerleben den Klebrigkeiten, Unsäglichkeiten, Fauligkeiten der vorgelegten Manuskripte streng zuleibe gerückt war, ein Wegstreicher und Verknapper, wird von einem Erzähler geführt und begleitet, der große Mühe mit dem Verschlanken, Ausdünnen und Wegmeißeln hat.

Widerfahrnis handelt davon, wie Reither, einem Mann deutlich über sechzig, der mit seinem Berufsleben wie auch mit der Liebe abgeschlossen hat, ein letztes unverhofftes Glück zufliegt. Eines kalten Frühlingsabends steht eine Frau an der Tür seines Apartments in den bayerischen Voralpen, und das Erste, was ihm an ihr auffällt, sind ihre Sandalen, die "etwas nervös Libellenhaftes" haben. Ist er so ängstlich, dass er zum Gesicht der Frau gar nicht aufzublicken wagt, in der Furcht, ihrem Blick und ihrer Schönheit nicht gewachsen zu sein? Oder ist er ein überdrüssiger Kulinariker, ein Frauenverbraucher, der mit seinem Blick jede Frau kundig zerlegt in die erinnerungswürdigen und die vergessenswerten Aspekte ihrer Erscheinung? Es trifft wohl beides zu.

Die Frau hat ungefähr sein Alter, sie ist schön, und sie stellt sich Reither als Leonie Palm, Leiterin eines literarischen Zirkels, vor. Ihn will sie überreden, sich dem Lesekreis als wohlgesinnter Lektor anzuschließen. Es treffen sich also zwei, die ihre Schaffenskraft dazu benützen, das Leben in die richtigen Worte zu fassen. Bodo Kirchhoffs literarisches Spiel besteht nun darin, sie gemeinsam über die Grenzen des Sagbaren, ins von Reither verabscheute "Unsägliche" zu treiben.

Aus den libellenhaften Schuhen lässt Kirchhoff eine Frau erstehen, in die Reither sich verliebt. Es geht alles rasch: Kaum sitzen sie bei einem Glas Wein in Reithers Apartment, beschließen sie schon, eine Autofahrt nach Italien zu unternehmen, in Leonie Palms Cabriolet.

Was nun stattfindet, ist einerseits eine Reise, die Reither und Leonie Palm mehr oder weniger schlaflos gen Sizilien führt – und andererseits die Suche des Erzählers nach den richtigen Worten, mit denen sich eine Liebesgeschichte schildern (beziehungsweise erfinden beziehungsweise erzählend erleben) lässt.

Diese Suche vollführt das Buch vor den Augen des Lesers. Kirchhoff (also sein Erzähler) zeigt uns nicht das Ergebnis, sondern den Prozess der Suche. Man empfindet nicht, wie bei der Lektüre von Richard Yates oder John Updike, Bewunderung über die stilistische Sicherheit des Autors, über seine Unfähigkeit, auch nur ein falsches Wort zu schreiben – nein, bei Kirchhoff gibt es viele falsche Sätze.