G8!

Was ist nur los an Deutschlands Schulen? Erst führten fast alle alten Bundesländer das Abitur nach zwölf Jahren (G8) ein. Nun wollen Politiker aller Parteien möglichst bald zum früheren System zurückkehren, dem Abi nach 13 Jahren (G9). Niedersachsen ist dabei, sich komplett vom Turbo-Abitur zu verabschieden, in Hessen und Baden-Württemberg gibt es beide Wege nebeneinander, in Bayern sollen sich die Gymnasien ab 2018 zwischen G8 und G9 entscheiden können, und in Nordrhein-Westfalen überbieten sich die Parteien mit Kritik: AfD und FDP machen G8 zum Thema für die Landtagswahl; die grüne Kultusministerin fordert, Schule müsse "stressfreier werden"; die sozialdemokratische Landtagspräsidentin, Inhaberin eines Amtes, in dem man sich durch verbale Mäßigung auszeichnet, sagt, man solle "scheiße nennen, was scheiße ist". Dass Bundesbildungsministerin Johanna Wanka gerade ihr sächsisches G8-Abitur pries und die neue Debatte als "erstaunlich" bezeichnete, zeigt, wie ernst die Lage für das Turbo-Abi ist. Doch ein G8xit wäre fatal.

Sicher: G8 ist bei Eltern unpopulär. Was außer dieser Tatsache jedoch so "scheiße" an G8 sein soll, können die neuen G9-Fans nicht erklären. Tausende Schüler stehen vor dem Burn-out? Studien zeigen, dass G8- und G9-Schüler gleichermaßen stressbelastet sind. Schüler werden durch viel mehr Unterrichtsstunden gequält? 165 Minuten mehr Bildung pro Woche – das sind weniger als zwei Fernsehfilme. Schüler haben Kalender wie Vorstandschefs? Wohl die Wahrnehmung von Eltern, die aufgrund eigener Abstiegsängste den Lebenslauf ihrer Kinder mit Harfe oder Hockey optimieren, statt diese auf der Straße bolzen zu lassen. Das Beschleunigungsgefühl der Eltern hat viel mit der Welt, aber wenig mit G8 zu tun. Vielerorts hapert es im G8-Alltag? Ja, es gab viele handwerkliche Fehler, aber die lassen sich beheben.

Die Übergroße Koalition für G9 muss einen stutzig machen. Kratzt man den Lack aus Opportunismus und Wahlkampftaktik von den Argumenten gegen G8 ab, zeigen sich Sehnsüchte nach der vermeintlich guten alten Schulzeit: Konservative idealisieren die Halbtagsschule, bei der Mutti die Kinder mittags zu Hause mit einem warmen Essen empfängt; Linke verzehren sich nach einer Zeit, in der Leistung weniger wichtig war als heute; Nostalgiker aller Provenienz wünschen sich zurück in die Jahre, in der das Abitur das Privileg einer Elite war. Und alle ignorieren den Osten, wo es seit je (und erfolgreich) nur G8 gibt.

Doch Fakten spielen in der Debatte um G8 und G9 keine Rolle mehr. Nach dem "Pisa-Schock" waren für wenige Jahre Maßnehmen und Maßhalten in die Schulpolitik eingezogen; der neue Kampf ums Gymnasium zeigt allerdings, wie sich Bildungsdebatten wieder hysterisiert haben. An nervöses schulpolitisches Zittern jedoch muss man sich mit Grausen erinnern: Auseinandersetzungen um Gesamtschulen und Rechtschreibreform lähmten das Bildungssystem zu viele Jahre. Kehren nun große Bundesländer zu G9 zurück, gefährden sie den "Schulfrieden", auf den sich Politiker aller Parteien geeinigt hatten – die segensreiche Vorstellung, Schüler, Eltern und Lehrer nicht durch ständige Reformen zu verunsichern, sondern eine Idee auch mal wirken zu lassen.

Denn die Zeit wird zeigen, dass G8 ein erfolgreiches Projekt ist: nicht als marktkompatible Idee, aufgrund derer Absolventen früher arbeiten und Steuern zahlen. Sondern als Projekt der Menschenbildung. Früher waren westdeutsche Abiturienten fast 20 Jahre alt; heute sind sie 18. Früher wurden junge Erwachsene im Schulbetrieb zwangsinfantilisiert; heute fallen Erwachsenwerden und Reifeprüfung zusammen. Die Freiheit des geschenkten Jahres nutzen die Abiturienten: Sie gehen ins Ausland, sie engagieren sich, sie jobben, oder sie fangen direkt an zu studieren. Ihnen allen geht es nicht um das Wachstum der Wirtschaft – sondern um das Wachstum ihrer Persönlichkeit.

Manuel J. Hartung