Irreführender könnte ein Titel kaum sein, denn nichts an dieser Geschichte ist easy going. Locker, entspannt, unbeschwert – Joannas Leben ist das Gegenteil. Die 18-Jährige leidet an ADHS, zwar bekommt sie seit Jahren Medikamente, trotzdem beschreibt sie das, was in ihrem Kopf los ist, als "einen überdrehten Vergnügungspark. Eine veritable Freakshow, komplett mit radfahrenden Zwergen, bärtigen Damen, rostigen Riesenrädern und einem experimentellen Jazz-Orchester".

Zum ADHS-Lärm im Kopf muss sie sich zu Hause mit einem Elternpaar herumschlagen, das vergessen zu haben scheint, dass die Erwachsenen sich um die Kinder kümmern – und nicht umgekehrt: Joannas Mutter schreibt seit Jahren an Romanen, die in erwartbarer Regelmäßigkeit abgelehnt werden; der Vater sitzt depressiv auf der Couch und schaut TV-Quizshows. Das ist nicht nur schwer zu ertragen, es bedeutet auch eine permanent leere Familienkasse. Joanna vergeht vor Scham über das Armsein; sie, die "Durchgeknallte", muss auch noch in abgewetzten Klamotten herumlaufen.

Auf dem Schulhof vertickt sie abgelaufene Kondome, um Essen zu kaufen, während ihre Mutter das wenige Geld unbedacht im Café verprasst. Als diese schließlich verkündet, es sei nun finanziell so knapp, dass die Tochter auf ihre Medikamente verzichten solle (sie habe sich als Erziehungsberechtigte ja schon seit Jahren schlecht damit gefühlt, ihr Kind permanent unter Drogen zu setzen), gerät selbst die leidgeprüfte Joanna in Panik – und lässt sich auf ein waghalsiges Drogengeschäft ein, das ihr sofort entgleitet. Sonnig ist in all dem Wahnsinn lediglich der Sex, den Joanna mit einer Mitschülerin hat, in die sich verliebt und mit der sie sich langsam in eine Beziehung vortastet.

Ja, dieses Buch hat von allem zu viel – und ist genau deshalb so gut. Endlich mal keine krebskranke Jugendliche, sondern eine junge Frau, die unter einer heute inflationär diagnostizierten Krankheit leidet. Dass die schwedische Autorin Jenny Jägerfeld, die auch als Psychologin arbeitet, bei diesem Thema ihre Handlung total überfrachtet, dass die Wörter und Sätze einem hektisch und kraftvoll von den Seiten entgegenspringen, dass die immer neuen Wendungen der Geschichte in kurzen Kapiteln auf den Leser abgefeuert werden, könnte passender nicht sein. So wie Joanna permanent obendrüber ist, setzt Jägerfeld in diesem Roman immer noch einen obendrauf. Unrealistisch – aber konsequent.

Und noch mal ja, Joanna geht einem furchtbar auf die Nerven, man kann ihren Unruhegeist in all seinem sprunghaften Chaos schwer aushalten. Die Stärke des Buchs ist aber gerade, dass Jägerfeld sie nicht zur Außenseiterin stigmatisiert. Joanna ist ein extremes Mädchen, aber sie hat Freunde und eine Liebesbeziehung.

Nur das Ende, das ist Jägerfeld ein wenig zu happy geraten. Sosehr man es Joanna gönnt, der Autorin hätte man nach 300 Seiten in Hochgeschwindigkeit zum Abschluss noch mal ein ordentliches Free-Jazz-Orchester im Kopf gewünscht.

Jenny Jägerfeld: Easygoing. Deutsch von B. Kicherer; Hanser Verlag 2016; 320 S., 16,– €