In der Haut dieser Frau möchte man nicht stecken – womit nicht Anna Netrebko gemeint ist, im Federkleid auf dem Foto dieser Seite. Die imaginäre musikalische Szene spielt vielmehr im Palazzo Farnese in Rom: eine gedeckte Tafel, der Nachtwind aus dem offenen Fenster lässt Wachs auf die Tischdecke regnen. Die Frau ist Floria Tosca, ihr Widersacher der römische Polizeichef, Baron Scarpia. Während im Nebenzimmer Mario Cavaradossi gefoltert wird, Toscas Geliebter, weil er das Versteck eines politisch verfolgten Freundes nicht preisgeben will, wird Tosca von Scarpia bedrängt. Grässlich hallen Cavaradossis Schreie in den düsteren Räumlichkeiten wider, immer heftiger werden Scarpias Zudringlichkeiten. Schließlich kapituliert Tosca und verrät das Versteck. Der Preis dafür ist hoch, denn nun soll Cavaradossi hingerichtet werden, und Tosca wird klar, dass sie sein Leben nur retten kann, indem sie sich Scarpia hingibt.

Und was tut sie, die auch im Stück, in Puccinis Tosca, eine Sängerin darstellt, die Sängerin Floria Tosca, in diesem Augenblick, in dem die Welt erstarrt und das Herz gleich mit und die Oper einen emotionalen Überrealismus zelebriert, der einen schaudern macht? Sie fängt an zu singen und schiebt das hochdramatische Bühnengeschehen für dreieinhalb Minuten zur Seite, als bliebe es einfach stehen. Sie singt, dass sie singt, und legt dem Publikum so vermeintlich ihr zerfetztes Inneres zu Füßen. "Vissi d’arte, vissi d’amore" – "Ich lebte der Kunst, ich lebte der Liebe". Eine der berühmtesten (und konventionellsten) Arien aus Tosca überhaupt. Andante lento appassionata, lautet die Tempobezeichnung, langsam und leidenschaftlich, und als Vortragsweise schreibt Puccini "dolcissimo con grande sentimento" über die Noten, zärtlichst, mit großem Gefühl. Harmonisch changiert das Ganze zwischen ges-Dur und es-Moll, einer Tonart mit sechs B, der schon Christian Daniel Friedrich Schubart hundert Jahre vor Puccini "Empfindungen der Bangigkeit des aller tiefsten Seelendrangs, der hirnbrütenden Verzweiflung" zuschrieb.

So tränenselig wie -reich tropfen Toscas Phrasen von oben nach unten, Triolen malen Schluchzer aus, Portamenti versinnbildlichen die Ohnmacht, mit der sich die Diva gegen das dreifach grausige Schicksal aus politischer Willkür, körperlicher Gewalt und sexueller Ausbeutung stemmt.

Dieser ausführliche Blick in die Partitur ist nötig, um zu verstehen, was Anna Netrebko mit Vissi d’arte macht und warum gerade diese Arie sie auf ihrem neuen Album mit dem irreführenden Titel Verismo zur Primadonna assoluta der Postmoderne kürt. Irreführend, weil höchstens die Hälfte der ausgesuchten Stücke der gleichnamigen Stilrichtung der italienischen Oper tatsächlich angehört. Analog zum Naturalismus im Schauspiel oder in der Literatur rücken typische Verismo-Opern wie Mascagnis Cavalleria rusticana und Leoncavallos Pagliacci um die vorletzte Jahrhundertwende herum die sogenannten kleinen Leute ins Rampenlicht, das richtige Leben, fernab aller Ständeklauseln, befreit von opernhaftem Tand und Affektballast. Davon kann bei Puccinis Tosca oder Turandot allenfalls am Rand die Rede sein, noch weniger bei der Margherita aus Boitos Mefistofele oder in Ponchiellis La Gioconda, derer sich die Netrebko ebenfalls annimmt. Eine Mogelpackung also, doch was soll’s, Hauptsache, der Titel knallt.

"Ich komme aus Russland – und ich glaube ans Überleben, ganz pragmatisch"

Klatschblätter und Facebook-Follower mögen der Russin das Etikett der Assoluta (das im 20. Jahrhundert Maria Callas gebührte) längst angeheftet haben. Die Bewunderung der Öffentlichkeit für ein Leben in der Öffentlichkeit aber, leibhaftig wie auch in den sozialen Netzwerken, für Designerroben mit 35.000 Swarowski-Kristallen, Hochzeitskutschenfahrten durch Salzburg (in Weiß) oder demonstrative Kuscheleien mit Wladimir Putin dürfen mit der eigentlichen Kunstausübung nicht verwechselt werden. Denn das ist die Gefahr: Entweder man liebt die Netrebko für all diesen Quatsch, weil die Welt viel zu abscheulich ist, um sie ohne Quatsch und Bling-Bling ertragen zu können; dann vergöttert man den Gesang, um Halt zu finden. Oder man hasst die Netrebko für ihre Abgebrühtheit, für die Schamlosigkeit, mit der sie ihr Marketing betreibt und sich vor keiner Zurschaustellung scheut; dann wird man ihr Singen als gleichgültig empfinden, als kalt, ja vulgär. Die Wahrheit dürfte irgendwo in der Mitte liegen, und erst da wird es natürlich interessant. Wie sagte Anna Netrebko 2013 im ZEIT-Interview? "Ich bin eine Frau des 21. Jahrhunderts, ich komme aus Russland – und ich glaube ans Überleben, ganz pragmatisch."

Man hört also zunächst, in der Einleitung von Vissi d’arte: einen vollen, gereiften, rotweinfunkelnden Sopran (eher ein Chianti oder Merlot als ein Barbera) nebst einer lupenreinen Intonation, einer seriösen Legato-Technik, und zwar vernehmbaren, aber mäßigen Vibrati. Was das Repertoire betrifft, und das vor allem wird hier klar, war die Netrebko immer eine ebenso instinktsichere wie kompromisslose Künstlerin, eine, die den Bedürfnissen und Möglichkeiten ihres Instruments gefolgt ist und nicht den mehr oder weniger gedankenlosen Verlockungen des Betriebs. Um ihre Stimmgesundheit ist es demnach trotz kleinerer Jetset-Krisen gut bestellt. Der traditionelle Weg, den sie beschritten hat, vom Mozart-Fach – und immer wieder dorthin zurück! – über die leichteren Verdi- und Belcanto-Partien (Gilda, Violetta, Adina, Lucia di Lammermoor) hinein in lyrisch-dramatische Gefilde (Anna Bolena, Leonora aus Il trovatore), war ganz zweifellos eine gute Wahl.

Musik, "den Sternen und dem Himmel" geweiht

Dass Netrebko nach ihrem umjubelten Dresdner Debüt als Elsa im Lohengrin (vgl. ZEIT Nr. 23/16) ihre Wagner-Karriere nicht fortzusetzen gedenkt und in Bayreuth 2017 aller Voraussicht nach nicht zu hören sein wird, hat denn auch weniger stimmliche als sprachliche Gründe. Das Deutsche liege ihr nicht so, mault die 45-Jährige, die seit 2006 die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt, deutsche Texte könne sie sich nicht merken, und zum Lernen fehle ihr die Zeit. Oder die Lust? In Dresden jedenfalls las sie den Wagnertext vom Teleprompter ab, ein absolutes Sakrileg und eine Ohrfeige ins Gesicht aller heißblütigen Enthusiasten. Schade für Wagner, vielleicht. Definitiv schade für Richard Strauss und die Moderne.

Denn was in Netrebkos Interpretation von Vissi d’arte geschieht, könnte Schule machen. Man mag es zunächst geschmacklos finden und ein wenig grob, weil jeder Akzent mit Wumms genommen wird und jedes Forte im Orchester ein sattes Fortissimo im Gesang zur Folge hat. Überhaupt kommt Netrebkos Piano eher als Mezzoforte daher, und nach der Einleitung, wenn die Tonart nach es-Dur wechselt, fällt ihr Puccinis klagendes Parlando seltsam schwer. Netrebko murmelt nicht gramvoll-selbstvergessen vor sich hin, sondern achtet penibel auf Wohllaut und Perfektion. Tosca besingt an dieser Stelle ihren "aufrichtigen Glauben" und dass sie die Musik allzeit "den Sternen und dem Himmel" geweiht habe. Sie rekapituliert ihr Leben, indem sie die Reinheit der Kunst neben die Verderbnis stellt, die sie umgibt. Kurz darauf wird die Sängerin zur Mörderin an Scarpia – mit der Tragik, dass sie Cavaradossis Tod durch ihr eigenes Verbrechen nicht verhindern kann.

Wer oder was obsiegt also am Ende? Die Schönheit der Kunst über die Grausamkeit der Realität oder umgekehrt? Naive Frage. Dass das eine nie ohne das andere zu haben ist, dass die Kunst an der Realität ebenso schuldig wird wie die Realität an der Kunst, wusste nicht erst Giacomo Puccini anno 1900. Aber er war einer der Ersten, der das so in Töne zu setzen verstand, dass die Musik, indem sie nicht Wahrheit repräsentiert (wie bei Verdi), sondern selbst einen Wahrheitsanspruch erhebt, ihre Unschuld verliert. Und Anna Netrebko ist eine der ersten Sopranistinnen, die das so singen kann.

Bei Maria Callas (deren Tosca-Einspielung von 1953 bis heute als Referenzaufnahme gilt) klingen Puccinis Parlandi nach höchstem Schmerzenslaut, als ränge sie sich das Singenkönnen, Singenmüssen Note für Note ab, als buchstabierte sie ein Gebet, an das sie selbst nicht glaubte. Großartig ist das, ergreifend. Ähnlich romantisch in der Rollenidentifikation, wenngleich stilistisch sehr unterschiedlich, verfahren viele große Toscas der Schallplattengeschichte, von Renata Tebaldi über Leontyne Price und Mirella Freni bis Kiri te Kanawa, von Renée Fleming bis Angela Gheorghiu. Im Zentrum steht stets eine Frau, die ihrer Widerständigkeit zum Trotz in die Opferrolle gezwungen wird.

Anna Netrebko legt diesen Hebel um. Was man an ihr nicht mögen muss, den Mangel an Selbstverzehrung für ihre Bühnenfiguren, die Verweigerung von Seele, das wendet sich bei Puccini ins Kühne, atemberaubend Zeitgenössische. Netrebkos Tosca bleibt bis zum Schluss, was sie ist: eine intelligente Sängerin. Ihr finaler Sprung von der Engelsburg – sollte Netrebko die Partie je auf der Bühne singen – dürfte ein Sprung in die Freiheit werden. Und so lässt einem das hohe B auf "perché, perché Signore" (warum, warum, o Herr) in Vissi d’arte das Blut in den Adern gefrieren.

Verismo: Anna Netrebko, Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Antonio Pappano (DG)