Dort am linken Oberschenkel, ein etwas zu großer Leberfleck, irgendwie seltsam gefärbt. Wahrscheinlich nichts Schlimmes, denke ich mir, aber sicher ist sicher. Also rufe ich beim Hautarzt an. Und dann kommt dieser Satz. "Zwei Monate warten, vorher keene Chance", plärrt mir die Sprechzimmerdame mit Berliner Schnauze entgegen. Uff, seufze ich ins Telefon und lege auf. Geht das nicht anders?

Doch – seit dem 25. Januar. "Terminservicestellen" ist ein Wort, das auf absehbare Zeit nicht die deutsche Lyrik bereichern wird. Aber es beschreibt eine Alternative für Leute wie mich. Gesetzlich versicherte Patienten können nun in allen Bundesländern eine Hotline der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) anrufen, um sich einen Termin beim Facharzt vermitteln zu lassen. Die Telefonisten durchsuchen dann Datenbanken, in denen freie Termine der umliegenden Fachärzte eingetragen sind. Davon schlagen sie einen vor, der innerhalb der nächsten vier Wochen liegen muss.

Speziell älteren Menschen sollte damit das telefonische und persönliche Abklappern von Arztpraxen abgenommen werden. Keine Geduldsspiele im Wartezimmer mehr, kein Tingeln von Spezialist zu Spezialist. Von einer "Termingarantie" sprach Gesundheitsminister Hermann Gröhe und verpflichtete die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) gesetzlich dazu, die Idee der Servicestellen umzusetzen.

Eine Nachricht, die gut klang, denn: Wer wartet schon gern? Und sind wir Kassenpatienten nicht ohnehin arme Schweine? Der Minister schien seinen Job zu machen. Allerdings nur auf den ersten Blick, denn es gibt einen Haken: Der Lösung fehlt ihr Problem.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Nach aktuellen Schätzungen werden die neuen Servicestellen am Ende des Jahres auf rund 120.000 vermittelte Termine kommen, viel weniger als erwartet. Die Zahl ist niedrig, wenn man bedenkt, dass es in Deutschland jedes Jahr 550 Millionen ambulante Behandlungsfälle gibt – auch wenn darunter natürlich nicht nur Behandlungen bei Fachärzten fallen, sondern auch solche bei Hausärzten. Insgesamt ist es nicht zu erwarten, dass der KV-Terminservice am deutschen Gesundheitssystem etwas Grundlegendes ändert. Einzelne Fachrichtungen werden zwar tatsächlich noch verhältnismäßig häufig nachgefragt, wie mehrere Servicestellen gegenüber der ZEIT bestätigten. Dazu gehören Internisten und Neurologen. Doch zu wenige Termine, zu lange Wartezeiten – das war wohl nie ein systematisches, deutschlandweites Problem. Und das hätte man wissen können, wenn man Jonas Schreyögg gefragt hätte, der als Gesundheitsökonom an der Universität Hamburg forscht.

Im Jahr 2011 veröffentlichte Schreyögg eine Studie, die sich mit der Frage beschäftigte, wie lange die Deutschen auf Arzttermine warten. Eine Studie also, die sich um genau das Problem drehte, das die Servicestellen lösen sollen. Das Ergebnis: Die Warterei ist in Deutschland gar kein echtes Problem. Ja, Kassenpatienten bekommen einen Termin beim Facharzt durchschnittlich neun Tage später als Privatpatienten. Und ja, auf dem Land braucht man etwas mehr Geduld als in der Stadt. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen Patienten zu lange auf einen Termin warten. Aber Kassenpatienten bekamen laut Schreyöggs Studie im Schnitt innerhalb von 16 Tagen einen Termin. "Die Wartezeiten in Deutschland sind vollkommen im Rahmen", meint der Gesundheitsökonom.

In Großbritannien oder Skandinavien dagegen, sagt Schreyögg, müssten die Patienten oft mehrere Wochen oder gar Monate warten. Und selbst das sei nicht per se schlimm: "Wichtig ist, dass Fälle schnell drankommen, die wirklich akut sind und bei denen eine lange Wartezeit die Gesundheit verschlechtern könnte." Ob ein Routinecheck in zwei Wochen oder zwei Monaten erledigt wird, ist medizinisch gesehen nicht entscheidend. Warten ist in solchen Fällen zwar lästig, aber selten schädlich.

Doris Pfeiffer ist Vorstandschefin des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenkassen. Fragt man sie nach dem Sinn der Servicestellen, kommt sie etwas in Verlegenheit. Erst erklärt sie, dass immerhin mehreren Tausend Patienten geholfen wurde. Wenig später sagt sie dann: "Man kann sicher die Frage stellen, ob Terminservicestellen die optimale Lösung sind. Unsere Forderung war das nicht." Deutlicher wird ihr Gegenspieler Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die Anfang des Jahres zur Einrichtung der Hotlines verpflichtet wurde. Gassen lobt die Arbeit seiner Telefonisten, doch für die Neuerung hat der Arzt nur einen Satz übrig: "Die Terminservicestellen braucht kein Mensch."