Fliegt man von Deutschland elf Stunden Richtung Süden, nach Johannesburg, und fliegt man von dort weiter, wieder ein Stückchen Richtung Norden, nach Polokwane in der südafrikanischen Provinz Limpopo, kann man den Avocadowahn besichtigen.

Die Straßen sind staubig, die Schlaglöcher so tief und zahlreich, dass man Slalom fahren muss. Mit einem Mal aber verändert sich die Szenerie. Kein karger Busch mehr, kein braunes Gras und keine Wellblechhütten der Zulu, keine überfahrenen Hunde mehr am Straßenrand, stattdessen: Avocadobäume. So weit der Blick reicht. Sie stehen in Reih und Glied und sehen eher aus wie Buchsbäume in einem französischen Schlossgarten als wie exotische Gewächse: alle gleich groß, knapp zwei Meter, die Blätter satt dunkelgrün, als könnten Staub und Trockenheit ihnen nichts anhaben.

Kilometerweit muss man fahren, um ins Zentrum des Avocadoreichs vorzudringen. In der Nähe eines Orts namens Mooketsi residiert in einem Flachbau der König, Tommie van Zyl. Er ist der Besitzer der Farm ZZ2, die zu den größten Avocadolieferanten für Europa zählt. Tommie van Zyl ist ein großer, kräftiger Mann von 57 Jahren in Khakihose und gebügeltem Hemd. Betritt er den Raum, schweigen seine Angestellten. Spricht er, sehen sie ihn dienstfertig an. An den Bürowänden hängen Stillleben in Öl, vornehmlich Avocados, die seine Töchter gemalt haben, mit nicht ganz sicherer Hand, doch als van Zyl sie dem Gast zeigt, nicken die Mitarbeiter anerkennend.

Die Natur, kann man sagen, ist nicht so leicht zu beeindrucken. Der Boden in Limpopo ist zwar reich an Schätzen: Kupfer, Zinn und Platin werden hier gefördert, nach Gold und Diamanten wird geschürft. Doch es ist extrem energie- und arbeitsaufwendig, diese Schätze zu heben. Mit dem Avocadoanbau ist es nicht anders: Er ist ein ständiges Kräftemessen zwischen Mensch und Natur.

Über das Dach des Flachbaus rennt lärmend eine Horde Affen. Van Zyl steht auf, tritt aus dem Gebäude in den Innenhof, klatscht in die Hände. Die Affen eilen erschrocken davon, aber sie verstehen es offenbar als ein Spiel und kehren zurück, sobald van Zyl sich wieder an den Tisch gesetzt hat. So geht das einige Male, bis der Avocadokönig aufgibt.

Wie ist es ihm gelungen, diesem Fleckchen Erde eine so opulente Frucht in solchen Mengen abzutrotzen?

Als van Zyls Urgroßvater die Farm Anfang des 20. Jahrhunderts gründete, baute er Kartoffeln für den lokalen Markt an. "ZZ2" lautete eine Registriernummer, die ihm von den Behörden zugeteilt wurde. Van Zyls Vater erkannte in jungen Jahren, dass Tomaten lukrativer waren als Kartoffeln. Auf die Kartoffelernte muss man monatelang warten, Tomaten wachsen schnell und können das ganze Jahr angepflanzt werden. 1953 fuhr Tommie van Zyls Vater die erste Ernte ein. Als er 2005 starb, hinterließ er seinem Erben die größte Tomatenfarm der südlichen Hemisphäre. Die Tomaten werden heute vor allem auf dem südafrikanischen Markt verkauft, ein Teil auch in den Nachbarländern Namibia, Simbabwe und Mosambik. Das rot-grün-gelbe Logo der Farm ist im südlichen Afrika bekannt und populär. Kein Supermarkt, in dem man nicht die leuchtend gelben ZZ2-Pappkisten fände.

Tommie van Zyl fragte sich, was er noch anbauen könnte. Der Markt für Tomaten war gesättigt. Aber weiter weg, in Europa, schienen die Menschen Gefallen an Avocados zu finden. ZZ2 sollte wachsen, und Tommie van Zyl sah eine Chance.

ZZ2-Tomaten verkaufen sich praktisch von allein, und sie wachsen in Limpopo auch fast von allein. Es braucht nur ein paar Netze, die über die Pflanzen gespannt werden. Die Netze sind günstig, spenden zuverlässig Schatten und halten Insekten und Vögel ab.

Avocados sind kompliziert. Sehr kompliziert. Sie verlangen von einem Farmer Aufmerksamkeit, Intelligenz und Kapital. Tommie van Zyl war bereit.

Zunächst einmal wächst ein Avocadobaum nicht einfach so. ZZ2 hatte genug Land, doch es mangelte an Bäumen. Darum also gibt es bei ZZ2 seit einiger Zeit eine Baumschule.

Die Schösslinge entstehen, indem man sie in einem stockdunklen Raum glauben lässt, sie seien Wurzeln, die sich unter der Erde ausbreiten. Einer der Gärtner hat schließlich die Aufgabe, mit einer Taschenlampe in diesem dunklen Raum jene Schösslinge auszuwählen, die bereit sind für den nächsten Schritt. In einem anderen Raum, der in sanft grünes Licht getaucht ist, damit der Schock für die Pflänzchen nicht so groß ist, werden mit einem Wattestäbchen Hormone aufgetragen. Mit einer Rasierklinge schabt der Gärtner etwas von der bleichen Haut weg, tupft, auf dass das Bäumchen stark und groß werde. Dann bringt er es in eines der Gewächshäuser. Wichtig ist, dass der Gärtner, bevor er durch die Tür tritt, in ein Desinfektionsbad steigt. Er soll mit seinen Schuhen keine Krankheitserreger in die Avocado-Neugeborenenstation einschleppen.

Weil die Wurzeln des Avocadobaums anfällig sind, wird der Schössling auf den einer anderen, gewöhnlicheren Pflanze, zum Beispiel eines Apfelbaums, gepfropft. Das bedeutet, dass man mit einem scharfen Messer einen kleinen Spalt in den winzigen Apfelbaumstamm schneidet, dort das Avocadopflänzchen draufsetzt und die Operationsnarbe so fest mit einer Folie verbindet, dass beide Teile zusammenwachsen.

Hat man es geschafft, einen Baum zu ziehen, und will ihn in die Erde setzen, muss man darauf achten, dass der Boden frei von Steinen ist. Ein Avocadobaum stört sich an Steinen im Boden, wie die Prinzessin sich an der Erbse stört. Mit schwerem Gerät wird die Erde einmal durchgesiebt. Wenn der Stamm ausgebildet ist, muss er mit sonnenschützender Farbe bestrichen werden – der Avocadobaum braucht einen Sunblocker.