Avocados sind wie Rennpferde: Man steckt über Jahre ungeheure Summen in Aufzucht und Pflege, doch wenn es gelingt, zieht man an allen anderen vorbei und ist um ein Vielfaches reicher als zuvor.

Tommie van Zyl weist seinen Sohn Bertie an, den Gast über die Ländereien zu fahren. Bertie, Anfang 30, Agronom mit amerikanischem Universitätsabschluss, hat ein neues Auto, einen riesigen weißen Pick-up mit Komfortausstattung. Es ist noch nicht lange her, dass sein Vater ihn zum "Head of Avocados" ernannt hat. Nicht nur sind Avocados Berties Leidenschaft, die Entscheidung des Chefs war auch ein Zeichen: Avocados sind die Zukunft des Unternehmens. Bisher machen Tomaten 70 Prozent des Umsatzes aus, Avocados 30 Prozent. In den nächsten Jahren soll das Verhältnis sich in Richtung 50 : 50 verschieben, mindestens.

Der Pick-up fährt über dünn besiedeltes Land, passiert einige Zulu, die am Straßenrand trampen. Weil der Staat sich nicht um die Schlaglöcher kümmert, hat Tommie van Zyl das für die Wege übernommen, die seine Leute nutzen. Die Farm dehnt sich auf einer Fläche aus, die knapp so groß ist wie Hamburg. Es gibt einen kleinen Flughafen, eine Schule für die Kinder der Mitarbeiter, eine Krankenstation mit einem eigenen Krankenwagen.

Die Avocado hat nicht nur Tommie van Zyl reich gemacht, sie versorgt auch die etwa 10.000 Mitarbeiter der Farm – sie erhalten Mindestlohn, etliche mehr. Fast scheint es, als wäre die Avocado wirklich nicht nur eine gesunde, sondern auch eine gute Frucht.

Bald geht es so steil bergauf, dass das Auto fast senkrecht steht. Von oben hat man einen Blick über das Tal und die angrenzenden Hänge. Die Erde ist frisch aufgeschüttet. Hier sollen neue Avocadowälder entstehen. Und dort auch. Bertie zeigt auf eine gigantische Teeplantage, die wie eine hellgrüne Decke den Berg am Horizont einhüllt. Und hinter dieser Kuppe auch, wo jetzt noch Tomaten wachsen.

Dort aber nicht, sagt er und deutet auf einen kleinen Hang gegenüber. Der gehört dem Nachbarn. Krumm und schief wachsen dort die Avocadobäume. Mitleidiger Blick von Bertie. So geht das nicht, sagt er, so kann man die Bäume nicht effizient bewässern, so kann man die Früchte nur mühsam pflücken. Seine Wälder werden so angelegt: Erde wird in schnurgeraden Linien aufgeschüttet, in regelmäßigen Abständen werden Stöcke hineingesteckt, an jeden Stock kommt ein Bäumchen. Dann kann man die Pflanzen ans Bewässerungssystem anschließen, das sich mit dem iPad bedienen lässt. Die Bäume müssen wie Soldaten sein, sagt Bertie.

Der Rückweg führt durch einen historischen Hain. Hundert Jahre ist hier der älteste Baum alt. Er ist etwa acht Meter hoch, seine dicken Stämme sind ineinander verschlungen. Majestätisch steht er da und verlangt Ehrfurcht von seinem Betrachter, während die Blätter sich im sanften Wind wiegen. Den alten Baum gibt es nur noch aus sentimentalen Gründen, er taugt nichts mehr, denn an die wenigen Früchte kommt man schwer ran, und die Stämme verbrauchen zu viel Energie, sie können die Kraft nicht wie die Soldatenbäume in die Früchte stecken. Aber der Vorbesitzer des Hains verkaufte ZZ2 sein Land nur unter der Bedingung, dass der Baum nicht gefällt wird.

Das iPad und der hundertjährige Baum – deutlicher könnte man nicht vor Augen geführt bekommen, dass aus dem Avocadogeschäft eine Hightechbranche geworden ist. Eine, die weit weg ist von der Natürlichkeit und Nachhaltigkeit, für die die Avocado steht, auch von der kleinbäuerlichen regionalen Landwirtschaft, die so gern gelobt wird. Die Avocado ist die Frucht der reichen Farmer. Dass überhaupt so viele Avocados nach Europa exportiert werden, ist nur möglich, weil in der südafrikanischen Landwirtschaft unter sehr ungleichen Bedingungen produziert wird: Wenige Farmen – meist im Besitz weißer Afrikaans – werden immer größer, wie die ZZ2-Farm. Sie können investieren, die Natur erforschen und begreifen. Viele kleine Betriebe, die Schwarzen gehören, gehen ein.

Im März schickte die Natur einen Hagelsturm übers Land, der in vier Minuten die ganze Ernte im Unwettergebiet zerstörte. Der Hagel warf die Früchte zu Boden, die Avocadoarmee kapitulierte.

Eine Großfarm kann solche Rückschläge verkraften. Die Ländereien sind größer als die Einflugschneise eines Sturms. Das viel bedeutendere Problem für ZZ2 und die anderen schnell wachsenden Avocadoproduzenten in Chile und Peru ist ein anderes. Avocados haben enormen Durst.

Ein Kilogramm Tomaten kommt im globalen Durchschnitt mit etwa 180 Litern Wasser aus, ein Kilogramm Salat mit etwa 130 Litern. Ein Kilogramm Avocados verbraucht 1.000 Liter. Das heißt: 1.000 Liter Wasser für zweieinhalb Avocados. Und es gibt wenig Wasser in Limpopo. Seit vier Jahren gibt es sogar noch weniger als je zuvor. Das Wetterphänomen El Niño, verstärkt durch den Klimawandel, bringt Hitze und Dürre.