Wegen El Niño verdursteten im vergangenen Jahr in Südafrika Tausende Rinder. Die Ernteausfälle waren so enorm, dass das Land Grundnahrungsmittel wie Mais, die es früher exportierte, jetzt importieren muss. Teile der Bevölkerung leben ohne Wasseranschluss, weil die Regierung nicht tut, was Tommie van Zyl für seine Avocados tut: Er hat eine 30 Kilometer lange Pipeline gebaut, die das Wasser aus den Bergen ins Tal transportiert.

Die Frage, die wie eine dunkle Wolke über dem Avocadobusiness hängt, lautet: Wann werden die Verbraucher in den westlichen Industrienationen merken, dass sie eine ökologisch höchst fragwürdige Frucht zum Symbol für bewusste Ernährung gemacht haben? Wann werden sie sich von der Avocado abwenden?

Da ist nicht nur die Sache mit dem Wasser. Da ist auch der Weg, den die Frucht zurücklegt, bevor sie in einem deutschen Supermarkt verkauft wird.

Eine ZZ2-Avocado fährt von ihrer Heimat im Norden des Landes mit dem Lkw nach Durban an der Küste im Südosten. Das sind knapp 1.000 Kilometer. Dann wird sie auf ein Schiff geladen, das sie nach Rotterdam bringt. Die Überfahrt dauert 26 Tage. Während der gesamten Reise lagert die Avocado bei komfortablen sechs Grad in einem strombetriebenen Container, in dem neben der Temperatur auch die Luftfeuchtigkeit und die CO₂-Konzentration kontrolliert werden – ein energiefressender Transport.

Die Avocado ist stark geruchsempfindlich, sie darf auf keinen Fall mit geruchabgebender Ware gelagert werden. Sie verträgt keinen Schmutz, keine Fette und Öle, die Laderäume müssen absolut sauber sein. Auch Stöße machen dieser Rassekatze von Frucht viel aus, also reist sie nur gut gepolstert – das Verpackungsmaterial verschlechtert die Ökobilanz zusätzlich.

In Mexiko werden jedes Jahr bis zu 4.000 Hektar Wald illegal gerodet, um Avocadoplantagen anzulegen. 80 Prozent des knappen Trinkwassers fließen dort in die Landwirtschaft. Im trockenen Israel verzehren allein die Avocados die Hälfte des Wassers. Offenbar ist die Avocado weniger ein Inbegriff der bewussten Küche als ein Inbegriff der Ungereimtheiten, von denen die gegenwärtige Ernährungsweise geprägt ist. Sie ist eine Frucht, in deren Produktion die Erde mehr Energie steckt, als sie auf Dauer zur Verfügung hat.

Auf manchen Seifenflaschen steht heute der Hinweis, man möge bitte beim Einseifen nicht das Wasser laufen lassen. Einige Supermarktketten haben die Plastiktüte abgeschafft, ohne dass jemand gemurrt hätte. In Paris hat die Weltgemeinschaft vor einem knappen Jahr einen Vertrag über klimaschützende Maßnahmen beschlossen. Dass man die Umwelt aktiv bewahren muss, wenn die nächsten Generationen noch auf diesem Planeten leben sollen – diese Einsicht setzt sich durch. Trotzdem ist es eine exotische Frucht, die um den Globus reist, die das Gute verkörpert.

Die Frage ist, wie es zu diesem Missverständnis kommen konnte.

Zunächst sah es nicht danach aus, als könnte die Avocado große Begeisterung hervorrufen. Die Liebesgeschichte zwischen der Frucht und den Menschen begann mit regelrechten Gemeinheiten. Zunächst gab es da das Problem mit dem Namen.

Die Azteken kultivierten die Frucht in Südamerika. Sie nannten sie ahuacatl, was so viel heißt wie "Hodenfrucht". Woran es lag, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen: an der Form? Galt das Fruchtfleisch als Aphrodisiakum?

Im englischsprachigen Raum erhielt sie später den Namen alligator pear, Alligatorbirne. Man benannte die Frucht nach dem, was an ihr am unattraktivsten ist, nach ihrer warzigen Haut. In Deutschland wurde die Avocado Butterfrucht genannt. Auch das war – im Zeitalter der Margarine – nicht gerade ein Verkaufsargument.

Dann kam die Wende. Wann, kann man nicht mehr genau sagen. Die Autorin Susan Allport behauptet in ihrem Buch The Queen of Fats, es sei im Jahr 2003 gewesen. Nachdem man jahrzehntelang geglaubt hatte, schlank und gesund sei derjenige, der wenig Fett esse, meinte man jetzt, man müsse vor allem auf Kohlenhydrate verzichten. Auf einmal waren Fette gesund, Kohlenhydrate wurden für die Epidemie des Übergewichts verantwortlich gemacht. Einige Studien hatten schon lange zuvor die Hypothese belegt, dass es gute Fette gibt, nun setzte sich diese Erkenntnis auf dem Markt durch. Der Begriff der ungesättigten Fettsäuren ging in den allgemeinen Wortschatz ein. Die Low-Fat-Ära war zu Ende, die Lightprodukte, die der Lebensmittelindustrie lange gute Gewinne gebracht hatten, verschwanden aus den Regalen der Supermärkte. Die Frucht mit einem Fettanteil wie Sprühsahne konnte ihren Aufstieg beginnen.

Immer wieder sind es auf Gesundheitstipps beruhende Ernährungstrends, die den Markt ankurbeln. Und jede Revolution nährt die Hoffnung auf eine nächste. Was wäre es für eine Sensation, wenn man plötzlich entdeckte, dass Gummibärchen gar nicht dick machen? Und könnte es nicht sein, dass man irgendwann die entschlackende Wirkung von Bratwürstchen entdeckt? Der gesunde Menschenverstand sagt: wahrscheinlich nicht. Aber das Ratschlag-Geschäft ist unberechenbar. Mit immer neuen Ideen verschleiert es eine allzu schlichte Wahrheit: Wenn man von Details absieht, hat sich seit Jahrzehnten an den Empfehlungen zur guten Ernährung nichts geändert. Immer noch gilt, dass die Portionen nicht zu groß sein sollten, dass viel Gemüse und Vollkorn gesund sind und dass Fett, Fleisch und Zucker in Maßen genossen werden sollten. Das ist im Prinzip auch schon alles. Doch wer kauft sich aufgrund so simpler Regeln einen Smoothiemixer und ein Buch mit Smoothierezepten?