Das Goldgräberische, das die Ernährungsbranche dominiert, wäre undenkbar ohne die Flut an einander widersprechenden Detailempfehlungen, die dem interessierten Verbraucher nicht Orientierung bieten, sondern ihn verunsichern. Dazu gehören auch Wortschöpfungen, in die sich alles hineininterpretieren lässt – ohne den unklaren Begriff Superfood hätten es die Chiasamen nicht weit gebracht.

Ja, Superfoods wie die Avocado sind besonders gut für die Gesundheit. Aber nur weil man gerne Avocado isst, wird man nicht von schlimmen Krankheiten verschont werden. Der Begriff Superfood verschweigt die Tatsache, dass es eigentlich kein Obst und kein Gemüse gibt, das keine positive Wirkung auf den menschlichen Körper hätte. Auch heimische Äpfel und, zum Beispiel, Rote Bete sind hervorragende Vitamin- und Mineralstofflieferanten.

Doch beim Essen geht es um viel mehr als um die Versorgung des Körpers mit dem, was er braucht. Die Auswahl der Nahrungsmittel diente schon immer auch der Distinktion. Im Mittelalter aß der Adel nichts, was aus der Erde kam, sondern Baumobst und Singvögel. Heute, im fortgeschrittenen Stadium der Globalisierung, geht es um Exotik, darum, zur Avantgarde zu gehören, die ihre Weltläufigkeit unter Beweis stellt, indem sie Goji-Beeren aus Tibet ("schon 50 Gramm decken den Eisenbedarf") in ihr Müsli mischt oder Muffins mit peruanischem Macapulver backt ("Sportler nutzen Maca zur Leistungssteigerung, während Kopfarbeiter die von Maca verliehene geistige Wachheit lieben").

Es bleibt die schlechte Ökobilanz dieser modernen Zutaten, auch der Avocado.

Zwischen Umweltbewusstsein und Umweltverhalten gibt es eine große Diskrepanz. Die Umwelt schützen will so gut wie jeder, sich konkret einschränken kaum einer. Voller Erleichterung (und nicht ohne Häme) weisen Lebensmittellobbyisten darauf hin, dass die Bürger sich zwar für alles mögliche Naturbelassene einsetzen, gegen Gentechnik und Mitglied bei Foodwatch sind. Dass ebendiesen Bürgern aber alle Vorsätze und jegliches Wissen abhandenzukommen scheinen, sobald sie einen Fuß in den Supermarkt gesetzt haben. Nach einer repräsentativen Forsa-Umfrage sind 94 Prozent der Deutschen überzeugt, dass Umweltschutz ihre Lebensqualität verbessern würde. Doch 68 Prozent finden es "schwierig", auf den Schutz der Umwelt zu achten. Entweder ist es ihnen zu aufwendig, sich über alles zu informieren, was sie kaufen und essen – oder etwas anderes ist ihnen wichtiger.

Im Supermarkt quellen die Regale über. Während draußen der Mangel und das Zu-Ende-Gehen ständige Themen sind, soll es hier drinnen noch immer kein Morgen geben. Der Supermarkt ist der Ort des Hier und Jetzt, des ready-to-eat. Das Vegane und das Vegetarische, eigentlich Disziplinen des Verzichts, sind in die Mainstreamkultur hineingetröpfelt. Ein Lifestyle ist entstanden, der sich mit Gesundheit und Umweltliebe schmückt, aber mit Entsagung wenig anfangen kann. Sein Versprechen: Es gibt eine gute Art, im Überfluss zu leben.

Dass in den vergangenen Jahren immer mehr Regalmeter für die Avocado freigeräumt wurden, hat auch mit den Vorgängen in einem geheimnisvollen Gebäude mit dunklen Fassaden zu tun, das wie eine riesige Architektenvilla in Maasdijk in der Nähe von Rotterdam zwischen Vorgärten und kleinen Gewächshäusern emporragt. Hier sitzt Nature’s Pride, einer der größten Importeure von exotischem Obst und Gemüse in Europa.

Hier wurde aus der Avocado, was sie heute ist.

Eine Avocado kann nicht am Baum reifen. Bis sie geerntet wird, ist sie steinhart, weshalb sich auch kein Schädling für sie interessiert und Pestizide kaum nötig sind. Ein Vorteil, der zugleich lange ein Nachteil war. An die Härte der Frucht erinnern sich die Avocadoesser älterer Generationen: Man kaufte die Avocado und musste dann zwei bis drei Tage oder sogar eine Woche warten, bis sie essbar war. Um den Prozess zu beschleunigen, wickelten manche sie in Zeitungspapier und legten sie auf die Heizung. Es ging dann darum, das kurze Zeitfenster abzupassen, in dem die Avocado schon weich, aber noch nicht matschig war. Wenn man eine Avocado essen wollte, musste man sich praktisch einen Termin im Kalender setzen.

Wäre es dabei geblieben, die Avocado wäre heute noch die unnahbare exotische Frucht, die sie damals war. Doch hier, bei Nature’s Pride, verwandelte man sie in ein Fast Food, ein Essen so praktisch wie ein Käsebrot.

Wenn die Avocado nach ihrer fast vierwöchigen Schiffsfahrt aus Afrika im Hafen von Rotterdam eintrifft, wird sie in einen Laster verladen, der sie ins 30 Kilometer entfernte Maasdijk transportiert. Der Laster fährt rückwärts an eine der Laderampen von Nature’s Pride heran. Dort nimmt der ripening master, der Reifemeister, die Avocados in Empfang, die zu diesem Zeitpunkt noch hart wie Kokosnüsse sind. Der Meister greift sich eine Avocado, halbiert sie mit einem kleinen Messer und betrachtet das Fleisch. Es hat noch nicht das helle Grün, das die Avocado zum Social-Media-Star gemacht hat, sondern ist von einem kränkelnden Weiß. Interessanter ist aber die Haut, die um den runden Kern wächst. Je nachdem, wie dick sie ist, muss die Avocado kürzer oder länger in die Reifekammer.

Die Reifekammer ist ein unscheinbarer Lagerraum hinter einem Metallrollo. Darin stapeln sich drei Meter hoch die Avocadokisten. Am hinteren Ende ist eine Art Windmaschine eingebaut. Sie verteilt gleichmäßig das Gas Ethen. Ethen ist ein Grundstoff vieler Schädlingsbekämpfungsmittel und wurde früher für Narkosen eingesetzt. Die Wehrmacht probierte während des Zweiten Weltkrieges aus, ob Ethen nicht bei der Erstürmung von belagerten Objekten behilflich sein könnte (konnte es nicht). Für Nature’s Pride ist Ethen nichts weniger als ein Geschenk des Himmels. Endlich hatte man eine Möglichkeit gefunden, die Avocado auf den Punkt zu reifen, sodass der Käufer alle Sorgen los war: kein Zeitungspapier mehr, keine Heizung, keine Warterei. Das Gas ist in geringen Mengen vollkommen ungiftig. Es ist das, was aus einer Banane kommt, wenn sie reift – weshalb jede Hausfrau weiß, dass man Bananen getrennt von anderem Obst und Gemüse lagert.

Sechs Tage lang bleibt die Avocado durchschnittlich in der Kammer. Sie wird erst gekühlt, dann wird es in dem Raum wärmer, an den letzten beiden Tagen wieder kälter. Die Temperaturkurve bewegt sich zwischen 6 und 25 Grad, nach Berechnungen, die Nature’s Pride für sich behält. Der Reifemeister sagt, das Auf und Ab der Lagertemperatur beruhe auf Forschung und Erfahrung, aber es gehöre auch Gespür dazu. Es findet eine Art stille Kommunikation mit der Avocado statt. Der Job ist vergleichbar mit dem eines Affineurs, eines Käsers, der auf die Laibe klopft, daran riecht und drückt und sich auf diese Weise mit dem Käse darüber unterhält, wann das Aroma sich voll entfaltet haben wird.