Giovanni di Lorenzo hat in seiner Kritik an der uneingestandenen grünen Hegemonie ganz zu Recht auf diese Nebenwirkungen hingewiesen (ZEIT Nr. 40/16). Renate Künast wiederum wies in ihrer Erwiderung auf ihn jede grüne Mitverantwortung zurück (ZEIT Nr. 41/16). Dabei verkörpert gerade sie dieses generationelle Missverständnis wie kaum eine Zweite: eine 55-jährige Berufspolitikerin und Ex-Ministerin, eine prototypische Vertreterin des Establishments also, die sich in ihrem Twitter-Account immer noch als "frech" bezeichnet – was soll die nicht grüne kulturelle Minderheit sich da denken?

Dasselbe Phänomen findet sich, nebenbei gesagt, auch im Journalismus, wo unsereins mindestens so dominiert wie in der Politik. Gut geschützt vom eigenen Dagegen-Sein, eingewoben in die Rolle des Kritikers der Mächtigen, wird die eigene Macht oft verleugnet. Was unfreiwillig kokett wirkt.

Und dann, plötzlich und unerwartet, ist alles aufgeflogen. Die Nackten stehen als Kaiser da.

Mit Merkels Entscheidung vom 4. September 2015, die Grenzen offen und die Flüchtlinge aus Ungarn hereinzulassen, mit ihrem Ja zu einer vielfältigen Gesellschaft, mit ihrem neuen Ansatz für Afrika konnte niemand mehr übersehen, dass jenes Projekt, das so lange vergeblich beschrien wurde, schon längst verwirklicht ist: Schwarz-Grün. Keine formelle Koalition natürlich, eher eine informelle Fusion.

Zugleich gerät nun all das massiv unter Attacke, wofür die namenlose Generation zeitlebens gekämpft hat, alles, was zur Selbstverständlichkeit geronnen, was zum unhintergehbaren deutschen Zivilisationsniveau geworden zu sein schien.

Kämpfen – wie ging das gleich noch mal?! Am liebsten würde man Joschka fragen, wo die Schlüssel zum Waffenschrank sind. Aber das bringt nichts, zum Ersten ist unsereins ja genuin gewaltfrei, zum Zweiten hat Joschka den Schlüssel bestimmt auch nicht mehr. Zum Dritten: Wie kämpft man überhaupt als Mehrheit? Als Establishment? Mit Rückenschmerzen und nachlassendem Gehör?

Mindestens gehört zu dieser neuen Phase hegemonialer Kämpfe das Machteingeständnis. Der Hegemon ist der Hegemon ist der Hegemon. Unsereins bestimmt – nicht allein, aber doch sehr – was in den Museen gezeigt und in den Schulen gelehrt wird, was in den Zeitungen geschrieben steht und im Rundfunk gesendet wird, was in den Regalen der Supermärkte liegt und was als letzter Schrei bewusster Ernährung zu gelten hat.

Das durchgrünte Deutschland beruhte auch auf schlechter Gemütlichkeit

Ehrlich und respektvoll gegenüber den Gegnern wäre es darum auch, wenn Schwarz-Grün sich stellt und Winfried Kretschmann zum Bundespräsidenten macht, der sich dann zu seiner politischen Freundschaft mit Horst Seehofer bekennt.

Ein zweites Eingeständnis gehört zum postfrivolen Kämpfen: Es sind nicht bloß die Rechten oder die Autoritären, die neuerdings alle Errungenschaften der unauffällig erfolgreichen Generation angreifen. Auch die Realität attackiert. Ganz offenkundig basierte dieses durchgrünte Deutschland nicht allein auf richtigen Gedanken, sondern auch auf schlechter Gemütlichkeit. Es ist leichter, für Flüchtlinge zu sein, wenn sie nicht kommen. Es ist verträglicher, gegen Militäreinsätze zu sein, wenn sowieso die Amerikaner sie (falsch) machen. Es ist schön, heimliche Mehrheit zu sein, wenn die unheimliche Minderheit nicht zur Wahl geht. (Da waren wir wohl, traurig genug, zu machtbequem, um uns wirklich für die Stummen zu interessieren). Es ist wunderbar basisdemokratisch, Plebiszite zu fordern, solange der Wutbürger sicher in der Tabuzone eingesperrt ist. Und so weiter.

Schließlich die Sache mit dem Rechthaben. Gewiss wäre es besser gewesen, früher mit der Energiewende zu beginnen. Ohne Zweifel hätte es den Europäern einiges erspart, wenn sie sich ernster und weniger neokolonial mit Afrika befasst hätten. Und, ja, heute denkt fast das ganze Land über Emanzipation und Sexualität, wie es unsereins schon vor drei Jahrzehnten tat. Aber was soll’s?! Rechthaben macht nicht nur unsympathisch, sondern auch blind.

Interessanter sind die Defizite, ergiebiger die Zweifel. Unsereins kann durchaus wieder rebellisch sein. Aber jetzt auch gegen uns selbst, gegen Selbstzufriedenheit und Müdigkeit, gegen dieses Gefühl, bei den Angriffen der Populisten handele es sich fast schon um Majestätsbeleidigung. Anders als mit Selbstveränderung ist der Kampf nicht zu bestehen. Und der geht jetzt nicht mehr nur um die Richtung der deutschen Demokratie, sondern um die Demokratie selbst.