Wer verstehen will, wie man Ravel auf keinen Fall verstehen darf, sollte Jean Echenoz’ Roman Ravel lesen: als Impressionisten nämlich. Genau hier setzt Bertrand Chamayou an, 35 Jahre alt, Enkelschüler von Vlado Perlemuter, dem Ravel selber noch entscheidende Hinweise gab: "Meine Musik sollte nicht interpretiert, sondern gespielt werden." Und im Zweifelsfall eher flüssig.

Chamayou ist ein so freier wie höchst redlicher Geist: Er begreift die Kompositionen aus ihrem inneren Zusammenhalt heraus, ohne sich blind verliebt im Detail zu verlieren. So sucht er in Jeux d’eau von 1901 mit stupender Technik nicht nach der Beschaffenheit jedes Tropfens (was er jederzeit könnte), sondern danach, im Flow zu bleiben. Für ihn zählt eher die große Welle als die Einzelbewegung. Die "malerischen Register" der Wasserspiele haben es Chamayou seit seiner Jugend angetan. Seitdem deutet er die Dinge gerne vom Angelpunkt Ravel aus, was zum Beispiel für die Interpretation der Werke Franz Liszts erhebliche Folgen hatte. Rückwärts und mit Ravel geschaut, offenbart sich die Klangrevolution im Salon umso deutlicher, aber auch, mit welch schneidender Attitüde der Franzose seinerseits dann einsetzt. Die kurze Sérénade grotesque von 1893, für die Chamayou den Flügel geradezu klirrend scharf hat stimmen lassen, atmet das Flair von Punk vor der Zeit: Ravel rüpelt sich in den Betrieb hinein, ohne auf eine fast formvollendete Eleganz zu verzichten. Beides ist hörbar: der Bruch und sein allmähliches Verschwinden in der Form.

Souverän demonstriert Chamayou, wie man an Ivo Pogorelich vorbei Gaspard de la nuit im Kern nahekommt: Nie spielt sich die Virtuosität in den Vordergrund. Hier verliert sich jemand in Ravels Welt, ohne verloren zu gehen. Selbstbewusst wird auf die Transkriptionen von La Valse und Daphnis et Chloé verzichtet. Stattdessen zeigt Chamayou andere Verbindungslinien auf, etwa wenn er aus der Sammlung À la maniére ... Alexandre Ziloti zu Wort kommen lässt, Liszts Lieblingsschüler und später der Lehrer Rachmaninows. Chamayous allergrößtes Kunststück allerdings ist eine noble und ziemlich geschwinde Gestaltung eines der vernutztesten Stücke Maurice Ravels überhaupt: Aus Pavane pour une infante défunte kondensiert er, ohne dem bekannten Ravel-Affen auch nur ein Kristall Zucker zu geben, eine vollkommen unsentimentale Studie. So zieht man den Hut!

Maurice Ravel: Complete Works for Solo Piano. Bertrand Chamayou (Erato)