Glückwunsch! Sie haben fast den südlichsten Punkt Deutschlands erreicht: Konstanz. Oder wie man hier sagt: Konschdanz. Nun laufen Sie am Ende von Gleis 1 oder 3, den einzigen Ankunftsgleisen, in die Unterführung hinunter und rechts wieder hoch. Der Bodensee zu Ihren Füßen, gewaltig und glitzernd, weit bis zum Horizont, in der Ferne das Alpenpanorama. Vor Ihrer Nase blüht der Stadtgarten.

Sie sehen Palmen; die Luft riecht nach Wasser, die Schiffe der Weißen Flotte liegen abfahrbereit für Touren nach Bregenz oder Lindau, ans andere Ende des größten deutschen Sees. Sie sind fast noch rechtzeitig da, denn in Konstanz zerfällt das Jahr deutlicher als anderswo in eine sehr, sehr schöne Sommer- und eine oft sehr, sehr neblige Winterhälfte. Am Ende des Bootsstegs links sehen Sie noch jemanden über den See blicken: eine steinerne Dame mit enormen Rundungen, fünfmal so groß wie Sie.

Imperia, unter den Händen von Bildhauer Peter Lenk entstanden, ist eine viel fotografierte Kurtisane aus Zeiten des Konstanzer Konzils 1414 bis 1418. Keine Angst, auch zu diesem Jubiläum sind Sie noch pünktlich: Die verrückte Zeit, als von Konstanz aus ein Gegenpapst nach der Macht griff, wird vier Jahre lang gefeiert. Geschichte springt Sie an, wenn Sie über den rechteckigen Platz namens Marktstätte in die einmalig schöne, unzerstörte Altstadt hineinlaufen. Häuser mit schnörkeligen Erkern ringsum, an einem der grüne Neonschriftzug "Scala Filmpalast", und Sie meinen, in einem Fünfziger-Jahre-Film vor historischer Kulisse mitzuspielen.

Sie sehen Wohntürme aus dem 14. Jahrhundert, anmutig und windschief, laufen durch mitunter handtuchschmale Gassen, lesen Namen wie "Zum hinteren Mohren" oder "Zur vorderen Katz": Es ist ein mittelalterliches Bilderbuch, durch das Sie spazieren, freilich nicht allein. Um Sie herum sind größere Gruppen mit Gepäck unterwegs, Schweizerdeutsch sprechend und mit grünen Zetteln in der Hand. Das sind die Schweizer Nachbarn, die nach ihrem Einkauf in Deutschland die Mehrwertsteuer zurückerstattet bekommen, deshalb das grüne Formular in ihren Händen. Seit der Euro billig geworden ist im nahen Nachbarland, spielt in Konstanz der Konsumtourismus verrückt.

Sie stehen nun in der Hussenstraße, Geschäftsstraße und Hauptachse der Stadt seit Römerzeiten. Hier pochte über zwei Jahrtausende die Schlagader von Constantia, der Standhaften – bis 2004. Dann wurde seenah die erste Shoppingmall gebaut, und die Stadt verlagerte ihr Zentrum. Auch Konstanz, diese Schöne des Südens, hat seinen Alleinstellungsmerkmalen nicht vertraut und sich wie alle anderen dem schnöden Mammon ergeben.

Bleiben Sie standhaft, und besuchen Sie die mächtige, nicht zu verfehlende Münsterkirche, auf deren romanischen Grundmauern Gotik, Barock und 19. Jahrhundert ihre Schichten abgelegt haben. In den Kopfsteinpflastergassen der Niederburg, des ältesten Viertels der Stadt, finden Sie der Zeit enthobene, verzauberte Winkel und nette Weinstuben.

Nehmen Sie auf der Marktstätte noch ein Eis mit und das Piazza-Gefühl, die Giebelromantik, den altmodisch-neongrünen Schriftzug. Denn bald werden die Eisdielen für den Winter und wird das letzte historische Programmkino der Region für immer seine Türen schließen.

Was dann kommt? Die fünfte Filiale einer bekannten Drogeriekette. Und wenn gleich Ihr Zug über die Alte Rheinbrücke donnert, bewundern Sie ihn noch mal: den See in ganzer Pracht zur Rechten. Links sehen Sie den noch jungen, von den Alpen herkommenden Rhein als sogenannten Seerhein den Bodensee verlassen und in Richtung Schaffhausen und Basel strömen. Schon wieder Schweiz? Genau. So überraschend ist er, der Süden.