Nachgerade in flehentlichem Ton appellierte der freiheitliche Bundespräsidentschaftskandidat Norbert Hofer in der vergangenen Woche an seine Anhänger im Paralleluniversum der blauen Medienwelt: "Bitte steht auf meiner Seite!" Er werde, sollte er in die Hofburg einziehen, das umstrittene europäisch-kanadische Handelsabkommen Ceta keinesfalls unterzeichnen, gelobte er. "Nun wird der Druck auf mich noch größer werden. Sie werden alles tun, um mich zu verhindern." Denn viel stehe auf dem Spiel, es gehe immerhin um "ein Billiardengeschäft". Einen Deal mit fünfzehn Nullen also. Verglichen mit diesem Megageschäft nehmen sich gegenwärtigen Handelsumsätze der beiden Wirtschaftsräume eher bescheiden aus: Die EU exportierte zuletzt Waren im Wert von 35,2 Milliarden Euro (Österreich: 1,03 Milliarden) und importierte Güter im Wert von 28,3 Milliarden Euro (Österreich: 440 Millionen) aus dem amerikanischen Norden. Auch diese Statistik besitzt noch eine Schieflage: Den größten Teil seines Europahandels wickelt Kanada mit Großbritannien, dem Mutterland des Commonwealth ab, das gerade dabei ist, sich aus der Union zu verabschieden. Ceta wird wahre Zauberkräfte entfalten müssen, bis dereinst Hofers eine Million Milliarden erreicht sein wird.

Trotz seiner eher geringen wirtschaftlichen Bedeutung ist unversehens ein erbitterter Streit um das Freihandelsabkommen entbrannt. In ganz Europa mobilisieren Globalisierungsgegner und Umweltaktivisten gegen den Vertrag – doch nirgendwo scheint der Widerstand entschlossener als in Österreich. Die Industriellenvereinigung erhob in einer Meinungsumfrage, dass derzeit 63 Prozent der Wahlberechtigten Ceta ablehnen, während zugleich 72 Prozent angaben, nicht viel über den Inhalt des Abkommens zu wissen. Ideales Terrain mithin für populistische Kampagnen aus allen politischen Richtungen. Seit 2009 war verhandelt worden, vor zwei Jahren wurde der Text veröffentlicht. Lange wurde Ceta – freilich nicht ganz zutreffend – bloß als die kleine Schwester von TTIP gehandelt, jenes tatsächlich in vielen Punkte äußerst fragwürdigen Handelsabkommens mit den USA, das kaum noch Chancen hat, in dieser Form je in Kraft zu treten, und als Feindbild weitgehend abhanden gekommen ist. Daher muss nun Ceta als Lückenbüßer herhalten.

Im Finish werden die Töne in der Abwehrfront lauter, schriller und zunehmend hysterisch. In vielem erinnert die Auseinandersetzung an die Debatte vor dem EU-Referendum des Jahres 1994. Wieder schwirren Verschwörungstheorien durch das Land, werden Mythen in die Welt gesetzt und die Gefahr heraufbeschworen, die teure Heimat, geknebelt, wie sie durch Ceta sein werde, könnte von giftigen Lebensmitteln überflutet und dem Gutdünken global agierender Großkonzerne ausgeliefert werden.

Neuerlich bilden sich wieder merkwürdige Allianzen, Nationalisten und Ökoromantiker verbrüdern sich und laufen mit zu einem guten Teil deckungsgleichen Argumenten Sturm gegen das Abkommen. In Österreich haben sich nun auch strukturkonservative Gewerkschafter dem Bund aus Freiheitlichen, Grünen, Globalisierungsgegnern und Umweltorganisationen angeschlossen. Längst ist auch die kampagnenbewährte Kronen Zeitung auf den Zug aufgesprungen und verstärkt mit alarmierenden Schlagzeilen die negative Stimmung. Die Mobilisierung gegen das Freihandelsabkommen läuft auf vollen Touren. Am Sonntag projizierten beispielsweise Umweltaktivisten die Namen von über 120.000 Ceta-Gegner, die sie in ganz Europa im Internet eingesammelt hatten, auf die Fassade des Bundeskanzleramtes am Ballhausplatz.

Sieben Prozent der Genossen lehnen zu 88 Prozent das Abkommen ab

Der Hausherr, Bundeskanzler Christian Kern, ist im Augenblick der Hoffnungträger für alle, die das Abkommen noch auf der Zielgerade scheitern sehen wollen. Während die Regierungen der übrigen EU-Mitglieder trotz gelegentlicher Einwände ihre Bereitschaft signalisierten, Ceta vorläufig abzusegnen, schwenkte die neue rote Lichtgestalt vor einigen Wochen von dem bereits eingeschlagenen Kurs ab. Er ist dadurch mitverantwortlich dafür, dass die Debatte mittlerweile zu einer innenpolitischen Schlammschlacht eskaliert ist.

"Das, was Großkonzerne sich im politischen Prozess nicht holen konnten, das versuchen sie jetzt durch die Hintertüre der Handelsabkommen zu erreichen", erklärte Kern unter Berufung auf den mitunter eigenwilligen Nobelpreisträger Joseph Stiglitz in Interviews und forderte Nachbesserung. Gleichzeitig initiierte er eine Mitgliederbefragung in seiner Partei, die mit einem erwartbaren Ergebnis endete: 88 Prozent lehnten den Vertrag ab, allerdings hatten sich lediglich sieben Prozent der Genossen beteiligt. Gleichviel empfand der Bundeskanzler das Votum als Wählerauftrag. Auf seinem New-York-Trip joggte er mit Kanadas Premier Justin Trudeau und versuchte dem aktuellen Posterboy der Linksliberalen Zugeständnisse abzukeuchen. Schließlich organisierte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker eine interpretative Erklärung, die zwar keine neuen Punkte enthält, sondern wie eine Art Kurzbedienungsanleitung auf knackigen vier Seiten noch einmal verdeutlicht, dass die Befürchtungen der Ceta-Gegner hauptsächlich aus Angstpropaganda bestehen. Weder nationale Bestimmungen zu Arbeitnehmer- noch Konsumentenschutz seien infrage gestellt, weder Infrastruktureinrichtungen noch Daseinsvorsorge der öffentlichen Hand stünden zur Disposition. Die Skeptiker in den eigenen Reihen konnte Kern mit diesem Papier allerdings bei Weitem nicht überzeugen. Wenn am Freitag das SPÖ-Präsidium die künftige Parteilinie festsetzen soll, droht eine Zerreißprobe.