Meist beginnt es harmlos: Zwei 13-jährige Freundinnen streiten sich wegen eines Jungen. Mädchen A ist eifersüchtig, weil Mädchen B mit ihm zusammen ist. Das ist zwar schlimm für Mädchen A, aber eine private Sache – bis es auf die Idee kommt, ein fieses Video von Mädchen B zu posten. Ein, zwei Klicks, schon ist der Film hochgeladen. Freunde und Mitschüler sehen ihn, rasant verbreitet er sich an der Schule und darüber hinaus. Viele lachen Mädchen B aus, machen gemeine Kommentare: "Voll das Opfer", "Ist die hässlich", "Schlampe". Postings voller Beleidigungen, Beschimpfungen und Hass fluten das Handy von Mädchen B.

Dieses Beispiel ist erfunden, aber fast jeder dritte deutsche Schüler im Alter von 12 oder 13 Jahren gab bei einer Umfrage an, jemanden zu kennen, der bereits mit Nachrichten, Bildern und Filmen über Computer oder Smartphone fertiggemacht wurde. Bei den Älteren sind es noch mehr.

Im Netz scheinen andere Regeln zu gelten als im echten Leben. Alle wissen, dass es dort nur so wimmelt von Hasskommentaren. Ist es vielleicht normal, sich online so aggressiv zu verhalten?

Nein, das ist es nicht! Das Netz ist ein öffentlicher Raum. Regeln, an die man sich auf dem Marktplatz oder dem Schulhof halten muss, gelten auch im Internet. Niemand darf einfach beschimpft und bloßgestellt werden. Schnell werden fiese Sprüche zu Beleidigungen, Drohungen oder Verleumdungen. Und das sind Straftaten, die von der Polizei verfolgt werden können.

"Jeder hinterlässt einen digitalen Fingerabdruck", sagt Dennis Schneider vom Landespolizeiamt Schleswig-Holstein. "Wir haben speziell ausgebildete Ermittler mit besonderen Computern, um diese Leute aufzuspüren." Liegt eine Anzeige gegen einen Internetnutzer vor, beschlagnahmt die Polizei sein Smartphone und den Computer und wertet beides aus. Danach droht eine Strafe.

Selbst bei Kindern unter 14 Jahren, die noch nicht wie Erwachsene von einem Gericht verurteilt werden dürfen, können Ermittler aktiv werden. Wenn Mädchen A gegen den Willen von Mädchen B ihr Video online stellt, ist das zum Beispiel nicht erlaubt. In Deutschland gilt das Recht am eigenen Bild. Das bedeutet, Fotos und Filme dürfen nicht verbreitet werden, wenn die gezeigte Person nicht einverstanden ist. Mädchen B könnte Mädchen A anzeigen. Mädchen A müsste dann mit seinen Eltern zur örtlichen Polizeistation kommen. "Dort würde es ein Gespräch geben, ähnlich wie eine richtige Vernehmung", erklärt Dennis Schneider.

Wenn die Regeln fürs Internet so klar sind, warum nur benehmen sich viele trotzdem so daneben? Ein Grund ist sicher, dass sich eine Gemeinheit viel leichter in eine Tastatur tippen lässt, als sie jemandem ins Gesicht zu sagen. Man bekommt ja nicht mit, wie traurig und verletzt der andere reagiert. Im Netz wirkt alles anonymer. Unpersönlich ist es aber gar nicht: Unter Schülern werden die meisten Bösartigkeiten von Bekannten verfasst und nicht von Fremden.

In der vergangenen Woche ermahnte der Bundesjustizminister die Betreiber von sozialen Netzwerken sehr streng, Hassbotschaften konsequent zu löschen. Konten können sofort gesperrt werden, wenn sich jemand schlecht benimmt. Doch auch jeder Einzelne muss aufpassen, damit das Netz nicht irgendwann nur noch ein Ort der Hetze ist. Das kann bedeuten, aggressives Verhalten zu melden. Wenn sich zwei auf dem Schulhof prügeln, mischt man sich ja auch ein – und steht nicht schweigend daneben oder feuert sie gar an.