Wo liegt die Grenze für die Dauer eines Menschenlebens? Gibt es ein biologisches Limit, das wir nicht durchbrechen können? Seitdem die Lebenserwartung steigt und steigt, ist das nicht nur ein theoretisches Problem der Biologie, sondern ein ganz praktisches für Rentenkassen und Krankenversicherungen. Die zuständige Forschungsdisziplin ist die Demografie, und dort streiten seit Jahrzehnten zwei Lager mit Verve über diese Frage. Nun wurde es wieder laut: "Das ist mehr Propaganda als Wissenschaft", warf der weltweit renommierte Wissenschaftler und Direktor des Rostocker Max-Planck-Instituts für Demografie, James Vaupel, seinen New Yorker Kollegen an den Kopf. Die hatten gerade ihre neuste Studie in Nature veröffentlicht. Die Arbeit sei eine weitere Farce in der "Mär von der Grenze für die durchschnittliche und die maximale Lebensspanne", wetterte Vaupel: "Es ist entmutigend, wie oft derselbe Fehler in der Wissenschaft gemacht und in einem respektablen Fachmagazin veröffentlicht werden kann."

Die gescholtenen Forscher Jan Vijg, Xiao Dong und Brandon Milholland vom Albert Einstein College schließen, dass Menschen aus biologischen Gründen wohl nie älter als 125 Jahre werden können. Vaupel liegen dieselben Daten vor wie den Amerikanern. Auch seine Arbeitsgruppe hat sie analysiert – und kommt zu einem völlig anderen Ergebnis. Einigkeit herrscht allein über die offensichtlichen Fakten: In den vergangenen 170 Jahren ist die Lebenserwartung kontinuierlich gestiegen. 1840 hielten schwedische Frauen mit den Weltrekord. Ihre statistische Lebenserwartung bei der Geburt lag bei 46 Jahren. Heute erreichen Japanerinnen 87 Jahre. Statistisch ist die Lebenserwartung in den entwickelten Ländern um 2,5 Jahre pro Dekade angewachsen.

Wohlstand, medizinischer und technologischer Fortschritt senkten erst die Sterblichkeit von Neugeborenen, Kindern sowie Frauen im Kindbett, später dann die Mortalität im höheren Alter. Auch die individuellen Rekordmarken sind in die Höhe geschnellt. Die nachweislich älteste Frau der Welt war die Französin Jeanne Calment. Sie rauchte fast ihr ganzes Leben lang und starb 1997 mit 122 Jahren.

Doch wie geht es mit der Menschheit weiter? Vijg, Dong und Milholland sind überzeugt: Das biologisch vorbestimmte Ende der Fahnenstange ist in Sicht. Das natürliche Limit beziffern die drei Forscher mit 125 Jahren. Dass jemals ein Mensch älter werde, sei höchst unwahrscheinlich. Vijg und seine Kollegen haben Geburts- und Sterbedaten aus der Human Mortality Database zu mehr als 40 Ländern untersucht. Sie zeigen, dass der Anteil von über 70 Jahre alten Menschen von Jahrgang zu Jahrgang größer wird. Allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt. Für über 100-Jährige scheint dies nicht mehr zu gelten. Offenbar erreiche der Zuwachs ein Plateau, schreiben die drei Forscher.

Zudem werteten sie Daten aus Frankreich, Japan, Großbritannien und den USA zum maximalen Lebensalter aus. Auch hier Stagnation: Seit den 1990er Jahren, in denen es um die 115 lag, habe es sich kaum verändert, sagte Vijg. 125 sei mit großer Sicherheit die absolute Obergrenze. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand auf der Welt dieses Alter überschreite, liege bei weniger als 1 zu 10.000. Dass seit 1997 kein Mensch mehr so alt geworden sei wie die Französin Calment, untermauere dies. "Weitere Fortschritte bei der Bekämpfung von Infektions- und chronischen Krankheiten können die durchschnittliche Lebenserwartung weiter anheben, aber nicht die maximal erreichbare Lebensspanne", heißt es im Nature-Artikel.

Bisher mussten alle Vorhersagen über eine Altersgrenze revidiert werden

Den Mathematiker Vaupel treiben diese Schlussfolgerungen zur Weißglut: Die Daten seien selektiv genutzt, die statistischen Verfahren fehlerhaft. Vaupel verriet der ZEIT Details aus seiner noch nicht publizierten Arbeit: Danach liege das Sterberisiko bei Menschen über 110 Jahren in jedem weiteren Lebensjahr bei etwa 50 Prozent und ändere sich nicht mehr. Kein Plateau also, sondern eine lineare Entwicklung in Richtung weiter zunehmendes Alter. Gleichzeitig sei es statistisch ganz normal, dass seit 1997 bislang niemand den Altersrekord der 122-jährigen Französin geknackt habe. Die Wahrscheinlichkeit dafür steige aber, weil zunehmend mehr Menschen an diese Grenze kommen.

Vaupel sieht nicht einmal vage Hinweise auf eine natürliche Obergrenze der Lebenszeit. Alle früheren Versuche, ein Limit für das Menschenleben zu bestimmen, seien gescheitert. "Vor 100 Jahren nahm man an, dass die durchschnittliche Lebenserwartung niemals 65 Jahre überschreiten werde. Als dann der Gegenbeweis sichtbar wurde, wurde die Grenze wieder und wieder nach oben verschoben."

Einer dieser Versuche aus den 1990er Jahren stammt von Jay Olshansky. Es ist kaum erstaunlich, dass der Forscher der Universität Illinois die Nature-Autoren unterstützt. Mit dem Altern sei es wie mit dem Laufen, schreibt Olshansky in einem Kommentar. Zwar gebe es im Körper keine genetische Grenze für das Spurttempo, wohl aber eine biomechanische. Auch ein maximales Alter sei nicht im Erbgut festgeschrieben, stattdessen tickten biologische Uhren im Körper. Und die seien nun mal nur auf eine bestimmte Laufzeit ausgelegt.

Hier allerdings irrt der Mann. Tatsächlich ist unser Körper auf Alterung programmiert, aber nicht auf Tod. Die Altersforscher können bislang keine biologischen Ursachen dafür nennen, wieso das Alter des Menschen grundsätzlich und vor allem für alle ähnlich limitiert sein sollte. Studien belegen zudem, dass der Alterungsprozess recht individuell ist, und wer langsamer altert, lebt im Schnitt auch länger.

Mit Olshansky ficht der Max-Planck-Forscher Vaupel seit Jahren den Streit um die Existenz oder Nichtexistenz eines biologischen Limits für das Menschenleben aus. Im Moment sieht es nicht so aus, als würden die Kontrahenten ihren Streit zu Lebzeiten noch beilegen. Selbst dann nicht, wenn sie 125 werden.