Ein junger Mann mit sehr langen Gliedern macht eine seltsam gekünstelte Geste. Vielleicht lockt er jemanden, vielleicht möchte er provozieren, jedenfalls sieht er recht selbstbewusst drein: keiner, der sich verstecken will, obgleich nicht schön und ziemlich knochig. Pablo Picasso malte den Schauspieler, als er 23 war, 1904/05, ein Bild, das sich dem Betrachter beunruhigend ins Hirn schleicht, je länger er sich dessen Farb- und Formenspiel aussetzt. Kunsthistoriker erkennen in der Figur des Mannes den Einfluss des Manieristen El Greco, für sie steht das Bild am Übergang von der "blauen" zur "rosa" Periode des Malers. In jedem Fall ist es eine Ikone der modernen Kunst, seit 1952 hängt es als Pracht- und Prunkstück im Metropolitan Museum in New York.

Vor sechs Jahren drängte sich der Schauspieler schon einmal in die große Öffentlichkeit. Damals purzelte eine Kunststudentin ins Bild und hinterließ bei dem Versuch, sich abzustützen, einen langen Riss in der Leinwand. Natürlich wurde alles repariert, rechtzeitig zur großen Picasso-Ausstellung des Met 2010. Diesmal ist die Lage ernster. Unter Umständen könnte das Bild ganz aus der Öffentlichkeit verschwinden, oder aber es wird für das Museum sehr teuer, es weiterhin zeigen zu können.

Die Erben eines Vorbesitzers fordern den Schauspieler zurück – obwohl das Bild nicht von Görings Plünderkommandos geraubt worden war. Es gelangte als Schenkung einer reichen Erbin ins Museum.

Dies ist nicht der erste Restitutionsanspruch, mit dem sich ein amerikanisches Museum konfrontiert sieht, aber es ist ein besonders spektakulärer Fall. Es geht selbst für New Yorker Verhältnisse um sehr viel Geld. Bis zum 30. September hatte sich die Erbengemeinschaft um einen Ausgleich bemüht. Sie besteht aus zwölf Parteien, eine kommt aus Deutschland, die meisten leben in den USA. Eine Großnichte des Vorbesitzers, die bei Paris lebende Autorin Laurel Zuckerman, wird den Prozess führen.

Nun steht die Herkunft des Bildes im Mittelpunkt. Es ist, als würde uns Picassos Artistenjüngling mit dem Finger zurücklocken in eine Zeit, als die Verhältnisse aus den Fugen gerieten und in der ein jeder sein nacktes Leben in Sicherheit bringen musste. Zumindest wenn er Jude war.

Die Geschichte führt zunächst nach Köln-Lindenthal, in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, genauer gesagt ins Jahr 1913. Da schwebt die Welt noch im bürgerlichen Gleichgewicht. In der Haydnstraße lässt sich das Ehepaar Paul und Alice Leffmann ein stattliches Haus errichten, von dem aufstrebenden, erst 33-jährigen Architekten Bruno Taut, der später zu den Pionieren des Neuen Bauens zählen wird.

Im Sommer zuvor hatte die Sonderbund-Ausstellung am Aachener Tor die zeitgenössische Malerei in Europa erstmals umfassend präsentiert, van Gogh, Cézanne, Klee und Matisse, Braque, Kokoschka, Schiele oder Munch. Und Pablo Picasso. Auf dieser Schau erwirbt Paul Leffmann L’acteur: radikal, bizarr und allen Schönheitsvorstellungen widersprechend, ein Statement, würde man heute sagen.

Leffmann, Mitte dreißig, kann es sich leisten. Er ist ein erfolgreicher Unternehmer. Aus dem Münsterland zugewandert, stieg er 1897 in die Gummiwarenfabrik Steinberg ein, später wird sie in Atlantik Gummiwerke umbenannt, es ist einer der größten Betriebe dieser Art in Europa. Paul Leffmann engagiert sich als Mäzen und regt die Museen in Köln zu Ankäufen moderner Kunst an. Sein Haus und sein Bild wecken Interesse. Das Magazin Die Kunst schreibt 1921: "Ein einzigartiges Erlebnis ist der Raum in Weiß und lichtem Gelb, für ein Meisterwerk des Picasso. Rosarot steht dieser Märtyrer der Liebe in dunklem Grunde mit jener unvergleichlichen Gebärde, die eine Welt beiseite schiebt. Im Leben des Alltags ist dieser Raum als Eßzimmer gedacht."

Taut, auch das wird in dem Beitrag deutlich, baute die Villa gewissermaßen um das Gemälde herum, es soll ihr Zentrum bilden. Bis 1929 leihen die Leffmanns das Bild für mehrere Ausstellungen in Deutschland aus. Doch bereits einen Tag nach dem Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze müssen die Leffmanns ihr Haus an das Rheinische Braunkohlensyndikat verkaufen.

Noch im Dezember 1935 erfolgt die "Arisierung" des Unternehmens. Leffmann und sein Partner Steinberg überschreiben es an ihren nicht-jüdischen Mitgesellschafter Aloys Weyers. Im Juli darauf greift sich die Feuerversicherung Rheinland die Immobilien am Hohenzollernring und am Friesenwall. Die Erlöse wandern auf Sperrkonten. Die Leffmanns verlassen Köln am 20. April 1937. In den Tagen zuvor finden sie Zuflucht im Haus des Oberbürgermeisters. Sein Name: Konrad Adenauer.