Von Beginn an ging es beim Deutschen Jugendliteraturpreis um mehr als um Bücher: 1955 vom Bundesministerium des Innern gestiftet und 1956 zum ersten Mal verliehen, war er Teil des Bundesjugendplanes der damals noch jungen Republik, eines Förderprogramms für die politische, soziale und kulturelle Jugendarbeit in den Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahren. Qualitätsmaßstäbe für Sprache und Illustration setzen, den Aufbau einer stabilen Lesebiografie fördern und auch Wegweiser für die kreative Avantgarde sein – darum bemüht sich der einzige deutsche Staatspreis für Literatur bis heute.

Weil zur ersten Lesergeneration der preisgekrönten Bücher die Kriegs- und Nachkriegskinder des Zweiten Weltkrieges gehörten, verstanden die Gründer ihre Literaturförderung auch als Schutzmechanismus – wobei ihnen der "Schmutz und Schund" von Comicheftchen und reißerischer Spannungsliteratur als besonders gefährlich erschien. Sechzig Jahre später dokumentiert der Deutsche Jugendliteraturpreis die ganze Vielfalt einer Literaturgattung, die kaum noch Tabus kennt. Mit einer Produktion von 9.000 Titeln im Jahr 2015 und 15 Prozent am Gesamtumsatz des deutschen Buchhandels stellt Kinder- und Jugendliteratur einen bedeutenden kulturellen wie wirtschaftlichen Faktor dar.

Prämiert werden immer Bücher aus der Produktion des Vorjahres. Der Preis begleitet also vornehmlich Neuerscheinungen und verstand sich immer auch als Informations- und Selektionsinstrument in einem ständig wachsenden Angebot. Um dem Entwicklungsprozess und der wachsenden Lesefähigkeit von Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden, unterteilte man den Preis in die Sparten Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch und Sachbuch. Seit 1991 verleiht das mittlerweile verantwortliche Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend außerdem wechselnde Sonderpreise für das Lebenswerk an herausragende deutsche Autoren, Illustratoren, Übersetzer und Herausgeber. Und auch die jungen Leser selbst mischen inzwischen mit. Seit 2003 entscheidet in einer eigenen Sparte eine Jury von Jugendlichen – deren Wahl sich häufig stark vom Urteil der Erwachsenenjuroren unterscheidet, was dem Preis eine neue Qualität verleiht.

Immer sind es die Bücher deutschsprachiger Verlage, die nominiert oder ausgezeichnet werden. Doch alle internationalen Lizenztitel, die als Übersetzung auf den deutschen Markt gebracht werden, sind mit im Rennen. Wer wollte auch bestreiten, dass Internationalität das literarische Feld bereichert? In den Anfangsjahren folgte der Preis zunächst der Vision vom Frieden stiftenden Austausch von Kinderbüchern weltweit und bezog daher Übersetzungen ein. Heute ist die Internationalität selbstverständliche Teilhabe an der analog wie digital verfügbaren Weltliteratur für Kinder und Jugendliche.

Einer großen Anzahl deutscher Kinderbuchschaffender ist es inzwischen aber zu international. Die "Initiative DJLP", hinter der mehr als 500 Autoren und Illustratoren stehen, beklagt, dass die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur in direkte Konkurrenz mit den internationalen Lizenztiteln treten muss. Das sei so, als würden deutsche Filme gegen Oscar-prämierte Produktionen antreten. Unter den ausgezeichneten Büchern finde sich eine überbordende Fülle von Übersetzungen. Eine Aufteilung des Preises in die Sparten "Übersetzung" und "originalsprachlich" fordern die Initiatoren für mehr Chancengleichheit. Doch bisher ist der Deutsche Jugendliteraturpreis beim Prinzip "German Open" geblieben – und damit auch seiner Tradition treu. Getrennte Sparten sind nicht angekündigt, wohl aber ein neuer Sonderpreis von 2017 an für "Neue Talente".

Zunächst gilt die Aufmerksamkeit aber den Preisträgern 2016, die am 21. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse bekannt gegeben werden. Neben den Preisen erscheint als Extra zum Jubiläum eine liebevoll gestaltete Sammlung neuer kurzer Geschichten "der Besten", darunter Mirjam Pressler, Shaun Tan, Kirsten Boie, Peter Härtling, Jutta Richter und Andres Steinhöfel. Aljoscha Blau verbindet sie mit einfühlsamen und hintergründigen Illustrationen. Einen Jugendliteraturpreis kann dieses schöne Buch natürlich nicht erhalten, es verdient aber unbedingt die Auszeichnung lesenswert.

Stephanie Jentgens (Hg.): Was ist los vor meiner Tür? Mit Bildern von Aljoscha Blau Jacoby & Stuart 2016; 176 S., 24 €; ab 8 Jahren