Frage: Frau Käßmann, könnten Sie sich vorstellen, mit Martin Luther verheiratet zu sein?

Margot Käßmann: (lacht) Das stelle ich mir sehr anstrengend vor. Das muss ich ganz ehrlich sagen. Er war ein Poltergeist. Andererseits: Luther hat seine Frau offenbar sehr geschätzt. Es sind zwar nur seine Briefe an sie erhalten, aber wenn er "Herr Käthe" zu ihr gesagt hat, dann war das durchaus respektvoll. Luther hat sehr wertgeschätzt, dass sie den Haushalt geführt und auch das Geld herbeigeschafft hat.

Frage: Luther hat Katharina von Bora aus dem Kloster geholt und in die Küche verbannt.

Käßmann: Dass sie das als Verbannung empfunden hat, kann ich aus den Briefen nicht herauslesen. Es war ja im Gegenteil ein enormes und mutiges Wagnis, das Kloster zu verlassen. Das stand unter schweren Strafen und war für alle Frauen, die ein Kloster verließen, ein großes Risiko. Sie hat sich damit auch gegen ihre Familie gewandt, die sie dort untergebracht hat. Aber Katharina von Bora stand hinter Luther. Sie hat das Kloster weniger aus Liebe verlassen, sondern vielmehr, weil sie seine Theologie überzeugt hat. Das finde ich beachtlich.

Frage: War das eine emanzipierte Ehe?

Käßmann: Wir können nicht 500 Jahre überspringen, aber für die damalige Zeit war das gleichberechtigt.

Frage: Ist die Ehe der Luthers noch immer ein Vorbild?

Käßmann: Das denke ich schon. Katharina von Bora hat seine Theologie unterstützt, und er hat wertgeschätzt, dass sie das kleine Familienunternehmen geführt hat. Ich sehe ihre große gegenseitige Wertschätzung und auch das gemeinsame Projekt, sechs Kinder großzuziehen. Als eines ihrer Kinder gestorben ist, hat Luther bitterlich geweint und sehr bewegend darüber geschrieben.

Frage: Also hat er seinen Anteil übernommen und sie ihren?

Käßmann: Ob ein Mann sich lächerlich macht, wenn er Windeln wäscht, fragte Luther einmal. Und er war sicher: Nein, weil es nicht um das Werk geht, sondern darum, dass wir das, was wir tun, im Glauben tun. Darüber hinaus war die Eheschließung von ehemaligen Mönchen und Nonnen eine theologische Zeichenhandlung: Das Leben in der Welt ist das reale Leben vor Gott und nicht das zurückgezogene Leben im Kloster.

Frage: Für manche Frauen war das Kloster aber doch umgekehrt der einzige Ausweg, wenn die Ehe für sie nicht das richtige Lebensmodell war.

Käßmann: Elisabeth von Calenberg, als eine der Fürstinnen der Reformation, war nicht nur besonders klug und hat viel geschrieben, sie hat auch die Klöster in Niedersachsen und die Stifte in Lüneburg erhalten, weil sie gesagt hat: Frauen, für die die Ehe nicht der Weg ist, brauchen einen Ort, wo sie abgesichert leben, sich bilden und sozial tätig sein können. Ich finde, es schließt einander nicht aus, aber zu Luthers Zeit war das ein ganz anderes Signal. Dass alles Leben in der Welt, vor allem die Sexualität, per se sündig ist, wurde damit überwunden.

Frage: Luther hätte die Wahlfreiheit unterstützt?

Käßmann: Luther hat nicht gesehen, dass das Klosterleben irgendeinen Sinn ergibt. Bis zuletzt hat er es strikt abgelehnt. Er war der Meinung, dass man Gott damit nicht näherkommt. Als aber etwa Caritas Pirckheimer erfahren hat, dass Luther das Klosterleben ablehnt, blieb sie bei ihrem alten Glauben. Sie war der Meinung, dass sie ihrem Kloster als Leitungspersönlichkeit die Konversion nicht antun könnte.