In Großbritannien formiert sich eine leise Revolte – gegen die Politik von Theresa May. Vor dem Obersten Gerichtshof in London werden an diesem Donnerstag Kläger gehört, die den autokratischen Führungsstil der neuen britischen Premierministerin nicht mehr hinnehmen wollen. Der Punkt des Anstoßes: Theresa May will spätestens im März Brexit-Verhandlungen mit der EU beginnen – ohne das Parlament einzuschalten, ohne es zu informieren, ohne es debattieren zu lassen, ohne es abstimmen zu lassen. Ein Unding für eingefleischte britische Verfassungsrechtler. Die Kläger wollen mithilfe des Gerichtshofes erzwingen, dass sich May die Erlaubnis beim Parlament abholt, ihre Version des Brexits auszuhandeln.

Anfangs wurde die Klage als Nebenkriegsschauplatz abgetan. Seit dem Parteitag der Konservativen vergangene Woche ist dies anders. Da ließ May durchblicken, dass sie offenbar zu einem "harten" Brexit tendiert; ihre Reden wurden von den euroskeptischen Parteianhängern bejubelt. Nun macht sich Unmut Luft: in der Industrie, im Londoner Bankenviertel, in der Opposition und selbst in Mays eigenen Reihen. "Wir haben doch nicht für den Brexit gestimmt und dafür, dass die Tyrannei von Brüssel aufhört – nur um zu erleben, dass dies durch eine Regierung ersetzt wird, die das Parlament ignoriert bei der wichtigsten Frage für die Nation", sagt Stephen Phillips. Der Euroskeptiker und Abgeordnete der Konservativen hat für den Brexit votiert.

May ist bekannt für Heimlichtuerei. Gleich zu Amtsantritt kündigte sie an, sie werde nicht durch die Medien turnen und nicht laufend Kommentare zu den EU-Verhandlungen abgeben. Die Wirtschaft und ihre Parlamentarier haben ihr Zeit gelassen, ein neues Brexit-Ministerium zu gründen. Alle wussten, dass das Votum des Volkes die Regierung auf den falschen Fuß erwischt hatte, dass ein Heer von Juristen gefunden werden musste, dass eine konkrete Exit-Strategie fehlte. May, so schien es, habe aus den Fehlern von David Cameron gelernt. Der war zu Jahresanfang mit großen Versprechen zu den Verhandlungen mit Brüssel gefahren und mit leeren Händen zurückgekehrt.

Aber jetzt tickt die Uhr. Die Wirtschaft kann nicht zwei Jahre warten, um dann zu festzustellen, dass ihr das Fundament für Geschäfte in der EU entzogen wurde. "Wir sind Ende des Jahres mit unseren Planungen fertig", erklärte kürzlich der Chef von Lloyd’s of London, des weltgrößten Marktes für Spezialversicherungen. "Wenn dann nicht klar ist, ob wir die rechtliche Grundlage für unser Geschäft in der EU behalten, beginnen wir sofort mit der Verlagerung." Kaum noch ein Tag vergeht, an dem Banken oder Unternehmen nicht drohen, Lizenzen in der EU zu beantragen.

Die Stimmung ist mies. Groß ist die Furcht, dass sich May gegen ihre Hardliner im Kabinett, David Davis vom Brexit-Ministerium und Liam Fox vom neuen Außenhandelsministerium, nicht durchsetzen kann – oder sich gar nicht durchsetzen will, weil sie die wirtschaftliche Notwendigkeit des EU-Binnenmarktes nicht erkennt.

Mays Schatzkanzler Philip Hammond indes pocht darauf, im Binnenmarkt für Waren und Dienstleistungen bleiben. Dieser ist mehr als die Erlaubnis, Autos über den Kanal zu schiffen. Firmen aus Mitgliedsstaaten der EU oder des Europäischen Wirtschaftsraumes (wie Norwegen) können ihre Produkte in der ganzen EU anbieten, ohne in jedem einzelnen Land doppelt und dreifach Genehmigungen einholen zu müssen und in Bürokratie zu versinken. Mit dem EU-Austritt fällt dieses Privileg weg: von einem auf den anderen Tag.

Zudem fallen innerhalb der EU keine Zölle an. Deshalb wurde Großbritannien bisher von globalen Banken und Industrieunternehmen als Tor zur EU genutzt. Künftig vielleicht nicht mehr.