An einem Abend im März hört Yayi Bayam Diouf die Stimme ihres Sohnes Alioune zum letzten Mal. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer in Thiaroye-sur-Mer, einem Vorort Dakars, der Hauptstadt des Senegals, als sie seinen Anruf entgegennimmt. Seine Stimme klingt von weit her, er ist mit den Nachbarn ins benachbarte Mauretanien gereist, um dort zu fischen. Die heimischen Fischgründe geben nicht mehr genug her. Alioune ist 26, er ist Dioufs einziges Kind.

"Mama", sagt er. "Morgen fahre ich nach Eldorado." Das Land des Goldes, so nennen sie hier Europa. Ein Sog, ein Versprechen. Einen nach dem anderen hat es in die Pirogen gelockt, lange, bunt bemalte Holzboote, mit denen die Männer traditionell auf Fischfang gehen. Nur dass diese Reise viel länger dauert. Tage auf See, ohne Land zu sehen.

"Mama", sagt der Sohn. "Wir wollen nach Spanien. Versuch nicht, mich davon abzuhalten. Du kannst nur für uns beten. In vier Tagen bin ich dort. Dann rufe ich dich an."

Yayi Bayam Diouf wartet. Nach einem Monat erhält sie einen Anruf, es ist einer von Aliounes Gefährten. Mit drei Pirogen legten sie ab. Plötzlich kam ein Sturm auf, eine der Pirogen kenterte. Es war die, in der Alioune saß. Die Gefährten sahen, wie die Gekenterten gegen das Wasser kämpften, hörten ihre Schreie, sie fuhren vorbei. "Was hätten wir tun sollen?", fragt der Mann in die Stille am Telefon. "Wir konnten sie nicht retten. Unsere Piroge war doch schon voll."

82 Männer aus dem Dorf sind damals gestorben. Viele weitere hat das Meer verschluckt. "Es gab Jahre", sagt Diouf, "da konnte unser Fußballspiel nicht stattfinden. Alle, die hätten mitspielen können, waren in Europa oder tot."

An jenem Apriltag des Jahres 2006 starb auch etwas in Diouf, die inzwischen 51 ist. Es verging die alte Diouf, eine stille muslimische Ehefrau, in traditioneller Vielehe lebend. Und eine neue wurde geboren. Eine, die spricht. Zu den Männern, Frauen, Kindern des Viertels, zu Politikern, zu den Hörern ihrer Radioshow. Und was sie sagt, ist: Bleibt! Steigt nicht in die Boote! Schafft etwas eigenes, hier im Senegal!

Für Europa sind die afrikanischen Flüchtlinge und Migranten Menschen, die keiner eingeladen hat, die aber trotzdem kommen. Europa scheint doch Platz für sie zu haben. Dort werden immer weniger Kinder geboren. In Afrika dafür sehr viele. Im Senegal bekommt eine Frau im Durchschnitt knapp fünf Kinder. Laut einer Studie der Vereinten Nationen dürfte sich die Einwohnerzahl Afrikas bis zum Jahr 2050 verdoppeln, bis Ende des Jahrhunderts könnte sie sich knapp vervierfachen. Das sind sehr viele Menschen, die einen Job, ein Stück Acker, ein Auskommen brauchen. Und genau daran fehlt es. 34 der 48 am wenigsten entwickelten Länder der Welt liegen in jenem Teil des Kontinents, den man früher Schwarzafrika nannte und heute subsaharisches Afrika. Der Großteil der 65 Millionen Flüchtlinge, die weltweit unterwegs sind, findet in armen Nachbarländern Zuflucht, die meisten afrikanischen Flüchtlinge sind binnenafrikanische Migranten. Und doch wird es in Zukunft sehr viel mehr nach Europa ziehen.

Für Europa sind die afrikanischen Flüchtlinge und Migranten zu einem politischen Großthema geworden, über das sich Bürger, Politiker und Parteien zerstreiten. Da gibt es Politiker wie den österreichischen Außenminister Sebastian Kurz, der eine australische Lösung anregte: Im Mittelmeer aufgegriffene Flüchtlinge sollten sofort zurückgeführt oder interniert werden. Und solche wie Angela Merkel, die Fluchtursachen in Afrika bekämpfen will. Nur: Was genau soll das eigentlich heißen?

Für die Familien in Afrika sind die Menschen, die gehen, Söhne, Männer, Väter, Mütter, Töchter, die plötzlich fehlen. Viele im Senegal machen sich auf den Weg, und das, obwohl sie in Europa so gut wie nie politisches Asyl bekommen. Im Senegal wird keiner im Krieg erschossen. Das Land gilt in Westafrika als Stabilitätsanker, es ist eine Demokratie mit einer regen Zivilgesellschaft und einer vibrierenden Kunst- und Musikszene, die Menschen hier hängen einem moderaten Islam an, dem Sufismus. Im Senegal muss keiner verhungern. Auf der Liste der am wenigsten entwickelten Länder liegt es im Mittelfeld. Wie so viele afrikanische Länder ist es reich an Ressourcen, die vor allem ausländische Konzerne ausbeuten, davon profitiert die Elite, das Volk bekommt nicht viel davon ab. Die meisten Menschen arbeiten als Bauern oder Fischer. Wer nach Dakar kommt, erlebt eine Stadt im Immobilienboom. Und doch haben viele junge Leute keinen Job, nationalen Statistiken zufolge liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 13 Prozent, internationale Organisationen schätzen sie eher auf 43 Prozent.

Die Häuser der Heimkehrer senden eine magische Botschaft aus

Wenn hier aber keiner um sein Leben fürchten muss – warum sind so viele bereit, es zu riskieren und sich in die Boote nach Europa zu setzen?

Yayi Bayam Diouf hat viel über diesen Sog nachgedacht. Und darüber, was man tun könnte, damit die Jungen bleiben.

"Es begann", sagt sie, "mit den Häusern." Wer mit Diouf durch die Gassen Thiaroyes geht, das sie "ihr Dorf" nennt, obwohl Zehntausende hier leben, wird sie gleich erkennen: prächtige Bauten, die über das Gewirr der Gässchen hinausragen. Thiaroye ist ein Quartier der Fischer und Marktfrauen, der Kleinunternehmer und Arbeitslosen, nicht reich, nicht wirklich arm. Die meisten Straßen sind nicht geteert, bisweilen bleiben die Autos im Sand stecken, Pferdewagen zuckeln an ihnen vorbei. Der Friseur, das ist oft ein Mann mit Schere und Spiegel am Straßenrand, das Fitnessstudio: eine Hütte mit ein paar Gewichten darin.

Über all dem thronen die Häuser der Heimkehrer aus Europa. Oder derjenigen, die einen Verwandten dort haben. Dreistöckige Gebäude mit Terrassen, leuchtend ranken die Bougainvilleen empor. Die Häuser senden eine Botschaft, die auch der Letzte in Thiaroye versteht. Wenn du Erfolg haben willst, geh nach Europa. "Jeder glaubt, er sei derjenige, der es schaffen wird", sagt Diouf.

Und in gewisser Weise ist das etwas Großartiges. Ein Zeichen von Jugend, Kraft, Selbstbewusstsein, von Menschen, die sich nicht alles bieten lassen wollen, die ausziehen, um ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Es ist genau der "Vom Tellerwäscher zum Millionär"-Geist, der in amerikanischen Business-Ratgebern beschworen wird – auch wenn hier fast keiner zum Millionär wird. Und doch bleibt da eine Frage, die sich Diouf oft gestellt hat: Was könnte aus einem Land wie dem Senegal werden, wenn die Menschen die Chance hätten, diese Energie in ihr Leben hier zu stecken?

Der Glanz der Häuser, sagt Diouf, strahle umso mehr, als fast keiner ahne, wie viel Mühe es gekostet habe, das Geld dafür zu verdienen. Denn wer wisse schon, wie es in Europa wirklich ist. "Die dort leben, erzählen nie die Wahrheit." Von der Einsamkeit, der Arbeitslosigkeit, dem Leben als Illegaler. Davon, dass die Menschen in der U-Bahn ihre Handtasche festhalten, wenn sich ein Afrikaner neben sie setzt. "Der Druck ist gewaltig", sagt Diouf. Die Passage ist teuer, manchmal legt die Familie, das Dorf zusammen, um sie einem zu bezahlen, als Investition in die Zukunft. Und wer könne verstehen, dass einer nach Europa geht und scheitert? Der Heimkehrer hat Erfolg, er baut ein Haus, und die schönsten Mädchen werfen ihm plötzlich Blicke zu. So mancher, der zurückgekommen ist, hat das klammheimlich getan, ist in eine andere Gegend gezogen, um das Getuschel nicht ertragen zu müssen.

Der Sog ist noch viel älter als die Häuser der Heimkehrer, er ist so alt wie das Land, das die Kolonialherren schufen. Der Senegal galt als wichtigste französische Kolonie in Subsahara Afrika, Dakar war einst die Hauptstadt Französisch-Westafrikas. Seine Einwohner galten nicht als Untertanen, sondern als Franzosen. Der erste afrikanische Abgeordnete im französischen Parlament war ein Senegalese, schon immer fühlten sich die Menschen hier halb als Franzosen. Sie tun es noch heute. Die Währung, der westafrikanische Franc, ist an den Euro gekoppelt, das Staatsverständnis ist französisch zentralistisch, die Schulbücher ähneln den französischen. Im Supermarkt sind fast alle Produkte importiert. Wer etwas werden wollte im Senegal, der ist schon immer nach Europa gegangen. Nach Europa flossen die Rohstoffe des Landes, das Geld und der Fisch. Und irgendwann reisten immer mehr Menschen hinterher, holten die Familie nach. "Lange waren unsere Arbeiter in Europa willkommen", sagt Diouf. Sie schufteten für wenig Geld auf den Tomatenfeldern und während des spanischen Immobilienbooms auf den Baustellen. "Doch 2009 schlitterte Europa in die Krise", sagt Diouf. "Und für Afrikaner wurde es schwerer, ein Visum zu bekommen."

2009 war der Höhepunkt des Exodus, sagt Diouf. Und das habe nicht zuletzt am Fisch gelegen. Es gab eine Zeit, sagt Diouf, da habe der Fisch für alle gereicht. Dann aber wurden die Menschen immer mehr – in Thiaroye leben die meisten polygam –, und der Fisch wurde immer weniger.

"Das liegt am Fischereiabkommen, das der Senegal mit der EU geschlossen hat", sagt Diouf. Lange durchpflügten die europäischen Megatrawler das Meer, riesige Fangschiffe, die rund 200 Tonnen Fisch am Tag verarbeiten können. Rund ein Jahr lang müssten 50 senegalesische Fischer unterwegs sein, um diese Menge fangen zu können. Inzwischen sind die Megatrawler verboten, doch auch nach dem neuen Abkommen sind zwei europäische Trawler mit den schädlichen Schleppnetzen in senegalesischen Gewässern unterwegs – angeblich zu wissenschaftlichen Zwecken. Doch das, sagt Fischereifunktionär Alassane Ba von der Nichtregierungsorganisation Sea Defenders, sei nicht das einzige Problem. Gleichzeitig durchpflügen europäische und chinesische Schiffe unter senegalesischer Flagge das Meer – ein Deal, für den senegalesische Unternehmen teuer bezahlen. Weil sie aber ausschließlich für den europäischen beziehungsweise chinesischen Markt unterwegs sind, schmeißen sie alles weg, was dort keine hohen Preise erzielt. "Von fünf Tonnen Fisch, die sie am Tag fangen, behalten sie 300 oder 500 Kilo, den Rest werfen sie als Beifang zurück ins Meer. Guter Fisch, der zu Abfall geworden ist und das Meer verschmutzt", sagt Ba. "Wenn das so weitergeht, ist unser Meer bald eine nasse Wüste", schimpft Ba. "Wenn uns die EU unterstützen will, sollte sie uns dabei helfen, eine Fischverarbeitungsindustrie aufzubauen." Einer von sechs Senegalesen lebt von der Fischerei. Würde das Land den Fisch selbst verarbeiten, könnte es sechsmal mehr verdienen.

Irgendwann begannen immer mehr Fischer, in ihren Pirogen nach Europa zu fahren. Mittlerweile ist der direkte Seeweg versperrt. Im Jahr 2010 begann die spanische Guardia Civil, gemeinsam mit der senegalesischen Küstenwache an der Küste zu patrouillieren. Die Flucht hat damit nicht aufgehört, sie ist nur gefährlicher geworden. Jetzt reisen die Migranten nach Nordafrika und setzen sich dort in die Schlauchboote.

Die Bürger nehmen die Dinge selbst in die Hand

Das mit dem Sog, das weiß Diouf, ist eine komplizierte Sache. Viele unterschiedliche Dinge beeinflussen ihn, es gibt Push- und Pull-Faktoren. Oft hat Diouf vor den Gefahren der Flucht gewarnt, doch sie weiß, dass das allein nicht hilft. Die Jungen ziehen aus, weil ihnen ihr Land keine Perspektive bietet. "Sie brauchen Jobs. Eine Zukunft." Mit Unterstützung einer spanischen Organisation hat sie ein Frauenzentrum gegründet, dort können junge Frauen eine Ausbildung machen, zur Friseurin, Kellnerin, Köchin oder Schneiderin.

Wo aber sollen all die anderen Jobs herkommen? Präsident Macky Sall träumt von einem Afrika, das in 20 oder 25 Jahren Einwanderer aus den USA und Europa aufnimmt, "weil wir dann im vollen Wachstum sind, einen Wirtschaftsboom erleben". Er hat den Aufstieg versprochen, Infrastruktur und Investitionen aus dem Ausland, bislang ist bei den Jungen aber noch nicht viel davon angekommen. Es gibt viele Gründe dafür. Das Arbeitsrecht im Senegal ähnelt dem französischen, es wird oft gestreikt, das schreckt ausländische Investoren ab, die aufgrund der Sprachbarriere lieber in englischsprachigen Ländern investieren. Die an den Euro gekoppelte Währung ist sehr viel teurer als in südostasiatischen Ländern, die billig für den Weltmarkt produzieren. Die Regierung bezieht ihre Einnahmen vor allem aus dem Verkauf von Rohstofflizenzen. Das macht sie sehr viel unabhängiger vom Willen der Wähler als eine Regierung, die sich aus Steuern finanzieren muss.

Wo vom Staat nicht viel zu erwarten ist, nehmen die Bürger die Dinge selbst in die Hand. Lehrer trainieren in ihrer Freizeit Jugendliche, Rapper wie Africulturban gründen Hip-Hop-Akademien, an denen sie junge Leute ausbilden, Bürgerbewegungen wie Y’en a Marre ("Wir haben genug") setzen sich für mehr Rechtsstaat und eine neue politische Kultur ein. Sie alle versuchen, ein Land zu schaffen, in dem die Jungen eine Chance haben, bleiben können.

"Seid gute senegalesische Bürger", das ist der Wahlspruch von Y’en a Marre. Die senegalesische Politik, sagt Abdel Farro, einer ihrer Anführer, sei eine einzige Gelderzeugungsmaschine. Mächtige Seilschaften schanzten sich Posten und Aufträge zu, von außen reinzukommen sei so gut wie unmöglich. "Jugend ist für die kein Thema, außer sie gehen zu den ausländischen Geldgebern und sagen: Wir haben ein Riesenproblem, um Geld für die Entwicklungszusammenarbeit zu bekommen. Das streichen sie ein, das Problem ist damit für sie erledigt." Er setzt auf eine immer größer werdende Zivilgesellschaft, die langsam auch den Staat verändert. "Wenn man gute Bürger hat, wird man irgendwann eine gute Regierung haben. Auch wenn das lange dauert."

Yayi Bayam Diouf sitzt am Strand und schaut auf das Wasser, dunkel rollen die Wellen heran. Sie denkt an ihren Sohn. Es gibt kein Grab, an dem sie trauern könnte, es gibt nur das Meer. Neben ihr trainieren Männer lachend Liegestütze. Sie sind so alt, wie er damals war, an jenem Tag vor zehn Jahren.

Wäre er geblieben, sie wäre jetzt Großmutter.

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