Wir veröffentlichen Auszüge aus einer Festrede des Protestanten Steinmeier für den katholischen Priester und Theologen George Augustin. Sie erscheint in dem Band "Welt vor Gott" (Herder Verlag)

Christsein und Politik – was hat das miteinander zu tun? In unserer Außenpolitik gilt: Wir dürfen Unterschiede nicht ignorieren, müssen Bereitschaft einfordern, über Unterschiede zu reden, auch zu streiten. Austausch brauchen wir nicht nur auf der Ebene staatlicher Politik, sondern noch mehr in der Begegnung von Gesellschaften und Religionen.

Die Suche nach einer friedlichen Ordnung ist ein stetiges Ringen um Wahrheit, ist die Erkenntnis, dass es ganz verschiedene Wahrnehmungen derselben Wirklichkeit gibt. Wenn es uns gelingt, im Gespräch mit anderen Religionen die Wahrheitsfrage auszuklammern und die gemeinsame Weltverantwortung ins Zentrum zu stellen, so ist der erste Schritt auf dem Weg zum Frieden getan. Unser politisches Leben in Deutschland ist christlich geprägt. Kein einziger Minister und keine einzige Ministerin dieser Bundesregierung mochte 2013 beim Ablegen des Amtseides auf Gottes Hilfe verzichten. Die Parteien, die diese Regierung tragen, haben einen Koalitionsvertrag verhandelt, der die Bedeutung der Kirchen für das gesellschaftliche Leben anerkennt. In Deutschland kann man von einem Kirchturm zum anderen blicken.

Aber spiegelt das noch die innere Wirklichkeit vieler Menschen wider? Mein Wahlkreis liegt in Brandenburg. Zum Christentum fühlt sich dort formal nur noch jeder Fünfte zugehörig. Doch die Dorfbewohner kämpfen für den Erhalt ihrer Kirchen – nicht weil sie alle zum Gottesdienst gehen wollen, sondern weil ihrer Ansicht nach jedes Dorf eine Kirche als Mittelpunkt braucht. Noch ein Schlaglicht: Seit einiger Zeit schreibe ich auf Facebook regelmäßig über meine Arbeit, meine Reisen, veröffentliche Fotos und Reden. Selbstverständlich berichte ich dort auch von meinem kirchlichen Engagement. Die Reaktionen sind oft von erschreckender Ablehnung, ja Abfälligkeit. "Religion gehört nach Hause und nicht in die Politik", hieß es zum Post über meine Arbeit im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags.

In Dresden und anderswo in Deutschland ziehen Menschen auf die Straße und protestieren gegen eine vermeintliche Islamisierung. Rechtspopulistische Parteien stellen den Islam an den Pranger: Er sei mit der Demokratie unvereinbar. Ich widerspreche entschieden: Es gibt eine Demokratie, die dem Islam Raum gibt, und es gibt einen Islam, der der Demokratie Raum gibt!

Bei einer meiner Reisen sprach ich mit einer alten Frau in einem Flüchtlingslager in der libanesischen Bekaa-Ebene. "Wo ist Gott?", fragte sie. Sie hatte alles verloren. Ihr Mann wurde vermisst. Zwei ihrer Söhne waren im Krieg gegen Assad gefallen. Die Tochter mit ihren Kindern war im Niemandsland auf der Flucht vor Milizen, die mal auf der einen, mal auf der anderen Seite kämpfen. Die alte Frau war allein, unter ein paar Plastikfetzen hausend, mit dem Leben davongekommen. Wo ist Gott? Wo ist die Hoffnung? Wenn eine solche Frage an den Außenminister gestellt wird, dann klingt darin mit: Hat die Welt uns vergessen? Was tut ihr, um uns zu helfen?

Meine Aufgabe ist: in einer streitbefangenen Welt voller Krisen und Konflikte dem Frieden auf die Sprünge zu helfen. Frieden lässt sich nicht herbeiwünschen. Er will erarbeitet werden, meistens dann, wenn Vertrauen schon restlos ruiniert ist. Ich meine: Solange wir nicht aufgeben, behält Hoffnung ihren Platz.