Wirtschaftlich mag das Goldene Zeitalter der Niederlande vorbei sein, doch literarisch ist es in vollem Gang. Das bewies eine Dichterlesung am ersten Abend unserer Pressereise. Sie fand im Tolhuis statt, zu dem wir mit einer Amsterdamer Hafenfähre übersetzten. In einer Tour de Force machten uns Anneke Brassinga, Frans Budé, Rozalie Hirs, Erik Lindner, K. Michel, Menno Wigman und F. Starik mit ihrer Lyrik vertraut. Ob leidenschaftlich kühl oder, wie im Falle der Else-Lasker-Schüler-Übersetzerin Anneke Brassinga, einfach leidenschaftlich, immer war das zu Hörende raffiniert und auf virtuose Weise modern. Das Land unterstützt seine Lyriker durch viele offizielle Positionen darin, sich als Chronist des öffentlichen Lebens zu engagieren. Neben dem Amt "Dichter des Vaterlands" leisten sich auch Städte, Vereine, Universitäten und Fernsehstationen gern einen Hausdichter. Der Buchhandel beschäftigt jedes Jahr einen Lyriker mit dem Verfassen eines Buchgeschenks, das Kunden von Gedichtbänden kostenlos dazuerhalten.

Eine ganz eigene und sehr zivilisierte Einrichtung ist die Einbeziehung von Dichtern bei Todesfällen, deren Betreuung den Sozialämtern zufällt. Wenn, wie oft im Fall von Obdachlosen oder Flüchtlingen, keine Angehörigen zu ermitteln sind, treten Hollands Dichter in Aktion. F. Starik las einen Nachruf auf ein Mafiaopfer, der das Blut in den Adern gefrieren ließ und Tränen in die Augen trieb. Der anonyme Tote sind wir, mit dieser lakonischen Einsicht gingen wir zu Bett.

Wir schliefen im "Volkshotel", einem brutalistischen Sechziger-Jahre-Bau, in dem vormals die Tageszeitung de Volkskrant zu Hause gewesen war. Der Architekt Steven Steenbruggen hatte es für Hotelbedürfnisse klug umgerüstet und den Lichtschacht vor meinem Fenster in einen Zen-Garten verwandelt. Nur im Foyer hatte man seinen modernistischen Instinkten im Interesse des emotionsverliebten Starbucks-Geschmacks einen Strich durch die Rechnung gemacht. Hier sorgte ein Wohnwagen nebst Campinggestühl für gemütvollen Orientierungsverlust. Und auf den zweiten Blick muss man sagen, dass die Starbucks-Ästhetik durchaus etwas Niederländisches ist. So wie die gardinenlosen Fenster, an denen wir bei einem Grachtenspaziergang mit dem großen Soziologen Geert Mak vorbeikamen. Er hat ein Buch über die Dynastie der Familie Six geschrieben, deren Begründer sich im 17. Jahrhundert ein so modern anmutendes Grachtenhaus baute, dass Adolf Loos erbleichen würde. Die Niederländer verstehen sich eben auf beides, Transparenz und Camouflage. Der Calvinismus brachte ihnen Gewissenhaftigkeit und die Bereitschaft, jederzeit Rechenschaft über ihr Privatleben abzulegen, mit der Seemacht und dem Orienthandel kam die vielstimmige Unübersichtlichkeit dazu.

Vielleicht konnte es nur einer Niederländerin in den Sinn kommen, sich in den Kopf von Ted Hughes hineinzuversetzen. Der 1998 verstorbene englische Dichter selbst war ungeheuer diskret. Bis ans Ende seines Lebens litt er unter dem Vorwurf, für den Freitod seiner Frau Sylvia Plath verantwortlich zu sein. Über seine Beziehung zu ihr äußerte er sich nur in den Birthday Letters, seinem letzten Gedichtzyklus, einem Meisterwerk.

Für die durch sehr persönliche Bücher berühmt gewordene Connie Palmen war solche Zurückhaltung ein Fehler. "Wegen meiner Aversion gegen autobiografische Literatur und Confessional Poetry", lässt sie ihn sagen, "meiner höllischen Angst vor dem rein Persönlichen und meiner rigiden Auffassung davon, was wahre Poesie ist, habe ich bis zu meinem Lebensende meine eigene Läuterung blockiert." Palmen behebt die Blockade, indem sie seiner Seele posthum zum Ausdruck verhilft. Ihr Roman Du sagst es reiht Ted Hughes in die große, von Augustinus und Rousseau herkommende Tradition des konfessionellen Schreibens ein. Detektivisch wertet sie seine Gedichte, Vorworte zu Plath-Gedichtausgaben, Sekundärliteratur, Biografien aus und liest Sylvia Plaths Tagebücher und Briefe gegen den Strich. Das ergibt eine aufregende, voyeuristische Lektüre. Und doch bleibt Palmens Interesse von dem des bekennenden Autobiografen prinzipiell verschieden. Ihr geht es um eine Rechtfertigung des Dichters, bei der sie nur auf Material zurückgreift, das Ted Hughes selbst offengelegt hat. Es käme bei ihrem Projekt aber darauf an, zu erfahren, was Ted Hughes für sich behielt und mit ins Grab nahm beziehungsweise in einer Kiste deponierte, deren Siegel nach seinem Wunsch erst 2023 geöffnet werden dürfen. Es besteht die Chance, dass wir in sieben Jahren tatsächlich den Rousseau in Ted Hughes entdecken. Palmens Annäherung ist eine unerbetene Appropriation, wie wir sie aus der bildenden Kunst gewohnt sind. Die Ausbeutung der Lyrik Ted Hughes’ im Interesse biografischer Mutmaßungen dürfte für Connie Palmen weder epistemologisch noch moralisch ein Problem sein, ist sie selbst doch durch unverhüllt autobiografisch geprägte Romane berühmt geworden.