Als die Spinne stirbt, kommen George die Tränen. Es ist nur eine Geschichte, die Miss Udell ihrer Klasse vorliest, doch für ein empfindsames Kind wie George ist dieser Schluss zu viel. Für die Mitschüler ist das Schluchzen ein gefundenes Fressen: "'He, da heult irgendein Mädchen wegen einer toten Spinne.' – 'Das ist kein Mädchen. Das ist George.' – 'Wo ist da der Unterschied?'"

Ohne es zu wissen, sprechen die beiden feixenden Jungen die Wahrheit aus: George, geboren im Körper eines Jungen, ist ein Mädchen. Sie weiß das genau. Nur hat sie sich noch niemandem offenbart. Immer wieder nimmt sie Anlauf, will sich ihrer Mutter, ihrer Freundin Kelly anvertrauen. Doch jedes Mal verlässt die Zehnjährige der Mut. So steckt George nicht nur in der falschen körperlichen Hülle, sondern auch in einem existenziellen Dilemma. Solange sie niemand als die Person sieht, die sie ist, existiert sie nicht richtig: "Als sie die Tür schloss und mit dem Gesicht nach unten auf ihr Bett sank, die Hände über dem Hinterkopf gekreuzt und die Ellbogen gegen die Ohren gepresst, wünschte sie sich sehnlichst, jemand anderer zu sein. Egal, wer."

Die Person, die diese Geschichte geschrieben hat, kennt Georges Gefühle. Alex Gino ist 38 Jahre alt und genderqueer, also nicht festgelegt auf ein Geschlecht. An manchen Tagen sei sie mehr Mann, an anderen mehr Frau.

Wie schreibt man über eine Person, die nicht sie und nicht er ist? Im Englischen besteht Gino auf dem geschlechtsneutralen they statt he oder she und lässt sich nicht mit Mr oder Mrs, sondern mit Mx (sprich "Mix") Gino anreden. Für deutsche Texte schlägt Gino vor, mal die weibliche, mal die männliche Form zu verwenden.

Tatsächlich passt das am besten. Denn schon Ginos Erscheinungsbild ist ein entschiedenes Dazwischen und Zugleich: Er trägt ein schwarzes Jerseykleid, unter dem sich Brüste abzeichnen, doch ihre Arme sind kräftig und behaart. An ihrem Kinn sprießt ein Bart, die langen Haare mit türkisblauer Ponysträhne trägt er zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden. Unauffällig ist nichts an Alex Gino. Von der Statur und vom Temperament erinnert sie ein wenig an Dirk Bach, klein und etwas kugelig, mit einer lauten Stimme und einer kräftigen Lache. Kein Mensch, der sich versteckt, sondern jemand, der sagt: Schaut mich an! Sprecht mit mir!

Aufsehen erregt auch ihr Debüt, das im August 2015 in den USA, in diesem Herbst in deutscher Übersetzung erschienen ist: George ist das wohl erste Kinderbuch, das die Frage nach sexueller Identität für Zehnjährige stellt. Eins der letzten "Tabus" in der Kinderliteratur sei gebrochen, schrieben Kritiker und Leser in den USA und in Großbritannien – mal bewundernd und zustimmend, mal kritisch und ablehnend. Einem Mädchen aus der Nähe von Chicago verbat seine Rektorin, George in der Schule vorzustellen. Als Gino auf Lesereise war, besuchte sie die Schülerin, ging mit ihr Eis essen und verbreitete die Geschichte über soziale Netzwerke. Eine Bibliothekarin berichtete dem Autor, wie eine Mutter das Buch ihrem Kind aus der Hand riss, weil es keine geeignete Lektüre sei.

Was mit ihr und ihrem Buch geschieht, überrascht Gino. "Ich hatte nicht mal erwartet, einen Verlag zu finden", sagt sie, die mehr als zehn Jahre an den gut 200 Seiten gearbeitet hat. "Ich wollte einfach, dass so eine Geschichte existiert, um sie vielleicht als Kopie an Hilfsgruppen zu schicken." Die tiefe Überzeugung, dass Fragen sexueller Identität unbedingt schon für Kinder literarisch verhandelt werden sollten, treibt sie um. Aber ist das wirklich schon ein Thema für Zehnjährige? Ja, findet Gino: "Kinder entwickeln erst eine eigene, ganz individuelle Persönlichkeit. Sie müssen doch wissen, was sie alles sein können."