Grenzen können willkürlich sein: Das stellt fest, wer sich die Landkarte Afrikas oder des Nahen Ostens ansieht oder wer darüber nachdenkt, dass man mit manchem Pass in fast jedes Land reisen kann, mit manch anderem in fast gar keins. Wie Grenzen entstehen können und warum sie nicht immer bestehen bleiben, das zeigt das Bilderbuch Hier kommt keiner durch! . Mit einer einfachen Idee entfaltet es eine enorme Wucht.

Ein General erklärt sich zum neuen Herrscher: "Von jetzt an und für immer – ich bin der Bestimmer!", und dekretiert, dass niemand mehr die Linie zwischen der linken und der rechten Buchseite überqueren soll. Zum Schutz dieser Grenze postiert er einen Soldaten, und der lässt von heute auf morgen niemanden mehr durch: nicht den Hund, der an seinem Gewehr schnüffelt, nicht den Mann, der dringend drüben telefonieren müsste, nicht den Astronauten, dem in seinem Anzug die Luft ausgeht, nicht die schwangere Frau, nicht die Ausbrecher aus dem Gefängnis, nicht mal das Gespenst, für das eine Grenze ja sonst eher kein Hindernis darstellt.

Immer größer und bunter wird die Gruppe, die sich diesseits der erklärten Grenzlinie versammelt. Immer bunter, wuseliger, hektischer werden die linken Buchseiten, während die gegenüberliegenden komplett frei bleiben.

"Mein General hat sich das Recht vorbehalten, diese Seite weiß zu belassen. So kann er in die Geschichte hineinkommen, wann immer er möchte", erklärt der Soldat. Das Werk des portugiesischen Autoren-Illustratoren-Duos Isabel Minhós Martins und Bernardo P. Carvalho lässt sich als leidenschaftliche Hommage an das Medium Buch lesen: Die sich gegenüberliegenden Seiten werden zu einem Davor und einem Dahinter, der Falz in der Mitte markiert die Grenze, so gibt das Buch dieser Geschichte ihre Gestalt.

Gleichzeitig haben die Autoren mit Hier kommt keiner durch! ein Wimmelbuch geschaffen, das, gelesen als Parabel auf gegenwärtige Entwicklungen, hochpolitisch ist. Dabei gelingt es ihnen aber auch, mit dem Thema an den Erfahrungs- und Erlebnishorizont von jungen Lesern anzuknüpfen: Welches Kind stand nicht schon einmal vor "Betreten verboten"-Schildern, die das Spiel auf einer Wiese nicht erlaubten? Und umgekehrt haben die meisten Jungen und Mädchen mit einem Schild an der eigenen Zimmertür vielleicht selbst Grenzen gezogen.

Es verwundert nicht, dass der Klett Kinderbuch Verlag, der in den acht Jahren seines Bestehens zu einer guten Adresse für anspruchsvolle und gewitzte Kinderliteratur geworden ist, genau diesen so vielschichtigen Titel in einer Zeit nach Deutschland geholt hat, in der das Ringen um Grenzen und Grenzöffnungen auch in Europa aktueller nicht sein könnte.

Wie nun umgehen mit willkürlich gezogenen Grenzen? Dieses Buch bezieht klar Stellung: Von Doppelseite zu Doppelseite zeigen Wort und Bild immer mehr Wut, Ärger, Fassungslosigkeit, Verwunderung, Entschlossenheit, bis einem Jungen sein Ball verspringt – ein roter Punkt, der, "Boing, Boing, Boing, Boing", über die Grenze hüpft. So viel sei verraten: Die rechte Buchseite darf doch noch in bunten Farben erstrahlen.

Isabel Minhós Martins/Bernardo P. Carvalho: Hier kommt keiner durch! Klett Kinderbuch 2016; 40 S., 13,95 €