Was für eine Erfolgsgeschichte: 125 Jahre gibt es die IG Metall, und im Internet bejubelt sie sich mit dem Slogan "Gemeinsam für ein gutes Leben". Es folgen eindrucksvolle Zahlen: "2,3 Millionen Mitglieder machen die IG Metall zu dem, was sie heute ist: Nicht nur die größte Einzelgewerkschaft Deutschlands, sondern auch die größte frei organisierte Arbeitnehmervertretung weltweit."

Dass dieser Erfolg auch mit unfairen Mitteln erreicht wurde, zeigen Recherchen in einem deutschen Autokonzern, der ohne den Einfluss der IG Metall ein anderes Unternehmen wäre. Viele Mitarbeiter würden sagen: ein freieres. Die Rede ist nicht von Volkswagen, wo die IG Metall von jeher durchregiert. Hier geht es um BMW. Die Recherchen zeigen, wie systematisch Leiharbeiter, die Schwächsten in der Arbeiterhierarchie, in die IG Metall gedrängt werden. Sie belegen, wie Betriebsräte in einem Geflecht von Finanzen und Abhängigkeiten das System stützen und das Unternehmen sich wohlwollend zurückhält. Was aus dieser Melange entsteht, ist nicht Freiheit, sondern Zwang.

Den erlebte vor Kurzem ein Lackierer, der seit 25 Jahren bei BMW schafft und ebenso lange in der IG Metall gewesen ist. Doch dann ärgerte er sich über den Betriebsratsvorsitzenden und überzeugten IG Metaller Manfred Schoch. Der Lackierer hatte genug von der Gewerkschaft, trat aus – und wurde sofort unter Druck gesetzt. Ein Belegschaftsvertreter habe ihn in die Mangel genommen, sagt er: "Wenn du deine Kündigung nicht zurücknimmst, dann wird es keine Festanstellung für deinen Schwiegersohn geben." In der Hand hielt das Betriebsratsmitglied "den Arbeitsvertrag meines Schwiegersohns, der ist Leiharbeiter", sagt der Lackierer. Er trat wieder ein. Sein Schwiegersohn sei kurz darauf fest angestellt worden.

Schoch lässt dazu mitteilen: "Die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft ist eine individuelle Entscheidung unserer Kolleginnen und Kollegen. Selbstverständlich respektiert der Betriebsrat diese Entscheidungsfreiheit."

Damit gibt Schoch die Gesetzeslage wieder, aber nicht den Alltag im Werk. Ein weiterer Leiharbeiter, der 3er-BMW zusammenbaut, fragte vor einer Weile ein Betriebsratsmitglied, was er tun könne, um fest angestellt zu werden. Dieser habe entgegnet: "Bist du in der IG Metall? Wenn du fest angestellt werden willst, solltest du eintreten."

Eine fehlende IG-Metall-Mitgliedschaft kann zum Rausschmiss führen

Möglich macht dies das enge Zusammenspiel von Vertrauensleuten der IG Metall – Gewerkschaftsvertreter, die im Werk Ansprechpartner für die Belegschaft sind – und dem Betriebsrat. Ein früherer Vertrauensmann der Gewerkschaft erzählt, wie das funktioniert: "Leiharbeiter ohne IG-Metall-Mitgliedschaft haben in vielen Bereichen des Unternehmens keine Chance auf eine Festanstellung. Man wird zwei-, dreimal angesprochen, und wer dann nicht eintritt, dessen Name wird aussortiert, wenn er sich online auf eine Stelle bewirbt. Der wird richtiggehend aus der Liste gelöscht. Denn in jedem Bewerbungsverfahren muss der Betriebsrat angehört werden, und sagen wir es mal so: Die Beziehungen zwischen Personalrat und Betriebsrat sind sehr gut."

Schoch lässt dazu mitteilen: "Weder bei der Auswahl noch bei der Bewertung der Bewerber ist der Betriebsrat involviert. Der demokratisch legitimierte Personalausschuss des Betriebsrats wird nur nach Abschluss des Bewerbungsverfahrens angehört." Die Zustimmung zu personellen Einzelmaßnahmen könne verweigert werden. Genauso äußerte sich auch das Unternehmen auf Anfrage.

Nach dem, was die Mitarbeiter berichten, kann eine fehlende Mitgliedschaft jedoch sogar zum Rausschmiss führen. Ein Arbeiter, der erlebt hat, wie im Unternehmen Stellen abgebaut werden, sagt: "Unser Meister musste sich von zwei Leuten trennen, und alle waren sich einig, wer gehen sollte. Die, die zuletzt ins Unternehmen kamen. Dann traten die zwei zuständigen Betriebsratsmitglieder auf und sorgten dafür, dass genau die zwei Kollegen nach Hause geschickt wurden, die nicht in der IG Metall waren."