Das Erste, was auffällt, ist die Leere. Wer sich am frühen Abend von Downtown aus in Richtung Norden bewegt, zu Fuß, was offiziell nicht empfohlen wird, fühlt sich zwischen vernagelten Gebäuden und jeder Menge Grasland seltsam klein und verloren: so viel Brache, so wenig Stadt! Dass dies hier Motor City sein soll, Geburtsstätte der modernen Fortbewegung, schwer zu glauben angesichts des Rings leerer Parkplätze, der sich rund um die beeindruckende Skyline zieht. Es ist, als habe die Stadt den Wegzug des Automobils ignoriert und warte noch immer vergeblich auf dessen Rückkehr.

Könnte es sein, dass es einen atomaren Angriff gegeben hat, den man aus irgendeinem Grund verpasst hat? Fühlt sich so Postapokalypse an? Die wenigen Passanten, die am Horizont auftauchen, fixieren einen schon von Weitem und nicken im Vorübergehen, als wollten sie sagen: Hey, Fremder, wir kennen uns nicht, aber auf diesen Straßen sind wir Schicksalsgenossen, also seien wir besser nett zueinander. Großstadt geht anders. Offenbar ist Detroit eine Art Dorf.

Sie hat ja auch vieles hinnehmen müssen, die alte Industriemetropole im amerikanischen Norden: erst die Riots der Sechziger, dann die Krise der Automobilindustrie, die Immobilienkrise, die Crack-Krise, das weitere Herunterwirtschaften durch korrupte Politiker, verbunden mit dem Wegzug von fast zwei Dritteln der zu Glanzzeiten zwei Millionen Einwohner. Jahrzehntelang war Detroit eine schrumpfende Stadt. Wer konnte, suchte das Weite, was jenseits des Zentrums an Bausubstanz blieb, wurde oft abgerissen oder von marodierenden Banden weggezündelt. Motor City Is Burning, lautete John Lee Hookers Song zur Lage. Das alles weiß man aus zahlreichen Reportagen, die mit wohligem Schaudern den Niedergang beschrieben – der einheimische Technomusiker Mike Banks spricht von ruin porn –, und ist doch überrascht, wie nah Klischee und Wirklichkeit sich kommen.

Dass ausgerechnet hier das Urbane neu erblühen soll, man möchte es für ein Märchen halten. Dann aber tauchen die ersten Coffee-Shops auf, gefolgt von zu Lofts umgebauten Fabrikgebäuden, und noch ein paar Meter weiter, in einer unscheinbaren Seitenstraße, liegt er plötzlich vor einem: der Third Man Record Store.

Bereits sein Äußeres signalisiert Aufbruch: Behutsam wurde die Fassade der alten Lagerhalle postindustriellen Geschmacksvorstellungen angepasst. Drinnen schweben ganz in Schwarz-Gelb gehüllte Fachkräfte mit Rock-’n’-Roll-Frisuren durch den Raum, als herrschten ewige Fünfziger. Von einem simplen Laden zu sprechen wäre untertrieben, es ist ein Paralleluniversum, das sich am Rand der Einöde auftut.

Ein akustisches Selfie auf Schallfolie? Kommt aus dem Voice-o-graph von 1947

Gegründet hat den Record Store Jack White, der Rockstar, Ex-Chef der White Stripes und derzeit berühmteste Sohn Detroits. Bei ihm kommen Phil Collins, Katie Perry und andere Dutzendware gar nicht erst in die Regale, das Repertoire beschränkt sich auf Stilrichtungen, die der Chef kennt und schätzt, bevorzugt Garagenrock, wie er in Detroit seit je gedeiht und wie ihn die White Stripes in den nuller Jahren zu neuen Erfolgen geführt haben. Man könnte sagen: Jack White ist der Erzeugerabfüller unter den Plattenladenbetreibern. Im Kampf um Zukunftsmärkte setzt er auf das lokale Produkt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Und er setzt auf Haptik. Angeboten wird ausschließlich Vinyl, das fühlt sich gut an und ist verkaufsfördernd: Im Vinylsegment werden bei insgesamt schrumpfendem Absatz letzte Zuwächse erzielt, selbst wer das Whitesche Gesamtwerk bereits auf CD besitzt, kann sich hier mit seltenen Seven-Inches oder Vintage-Pressungen von Konzertaufnahmen eindecken. Damit keine Zweifel an der Natur des Angebots aufkommen, verkündet eine Tafel das erste Gebot Jacks: Ziel von Third Man Records sei es, den überfütterten Käufer von heute wieder spüren zu lassen, "dass Musik in Wahrheit etwas Heiliges ist". Gegenüber den Toiletten ein beichtstuhlartiges, von Jack White persönlich mit einem Lack aus eingeschmolzenen Vinylsingles überzogenes Möbelstück. Ein bisschen Fetischismus gehört dazu, wenn es ums Herstellen des Heiligen geht. Kunden, die hier fündig werden, kaufen ein zweites, immaterielles Produkt gleich mit: Authentizität. Von plötzlicher Müdigkeit Befallene blättern auf dem Sofa neben der Theke in Coffee-Table-Büchern, denn der Third Man Record Store ist zugleich ein Verlag, der die lokale Musikgeschichte aufarbeitet.