An einem Schreibtisch in Frascati beginnt der Weltraum, südöstlich von Rom. Josef Aschbacher und zwei seiner Mitarbeiter stecken die Köpfe zusammen wie drei Buben, die gemeinsam einen Streich aushecken. "Sollen wir den nächsten Satelliten aus Russland oder Französisch-Guayana starten?", fragt einer, "und wie viele Raketenstarts brauchen wir in den nächsten Jahren?" Hier, in Aschbachers Büro, geht es um Raketen und Satelliten, um Weltraumbahnhöfe und Milliardenbudgets.

Seit vier Monaten ist der Tiroler Josef Aschbacher Direktor des Erdbeobachtungsprogramms der Europäischen Weltraumbehörde (Esa). Aus dem Bergbauernbuben ist einer der wichtigsten Manager der europäischen All-Ambitionen geworden. Mit 1,66 Milliarden Euro verfügt seine Abteilung über den größten Etat der Organisation. Elf Satelliten vermessen unter Aschbachers Obhut die Welt.

Frascati liegt auf einem Hügel, und wenn der 54-Jährige auf die Terrasse des orange gekachelten Gebäudes des European Space Research Institute tritt, zirpen ringsum Grillen zwischen den Olivenbäumen, und unter ihm breitet sich die italienische Hauptstadt aus. Der Blick reicht über den Petersdom hinweg bis an die Küste.

Der Malaspinagletscher an der südlichen Pazifikküste von Alaska © Contains modified Copernicus Sentinel data (2016), processed by ESA

Das Weltall hat Aschbacher in seinen Bann gezogen, seit er als ältestes von sechs Kindern von der Mondlandung gehört hatte. Der Bauernhof der Familie in Ellmau liegt abgelegen am Berg auf 1.000 Meter Seehöhe. Als Erstgeborener sollte Aschbacher den Hof übernehmen und ein ehrlicher katholischer Bauer werden. Doch wenn der designierte Hoferbe in den Arbeitspausen am Feld lag, in den Himmel blickte und dann seine Familie bei der Arbeit sah, dachte er bei sich: "Das möchte ich nicht machen, ich möchte weg, so weit weg wie möglich." Die Geschichten von früher erzählt er in weichem Hochdeutsch. Den harten Tiroler Zungenschlag hat er völlig abgelegt.

Dass er zu Beginn der Schulzeit Probleme damit hatte, das Hochdeutsch der Lehrerin zu verstehen, spornte ihn an. Er lieh sich Bücher aus der Pfarrbibliothek aus, war ein eifriger Schüler und blieb besessen vom Gedanken: "Ich kann keine drei Meter hüpfen. Wie kann dann jemand auf den Mond fliegen, auf dieses leuchtende Ding am Himmel, dem ich jeden Abend gute Nacht wünsche?"

Ein Lehrer wurde auf den wissbegierigen Hauptschüler aufmerksam. Er bestellte die Eltern ein, die im Sonntagsstaat vor ihm saßen und erfuhren, dass sie sich versündigen würden, sollten sie dieses Talent vergeuden. Der Junge müsse unbedingt studieren. Vater Aschbacher schloss einen Pakt mit seinem Filius: Josef dürfe auf das Gymnasium nach Innsbruck, doch die Leistungen müssten so gut sein, dass ein Stipendium für die Heimkosten aufkommt, und sein Leben müsse er sich selbst finanzieren. Was er am Hof gelernt hatte, nutzte er nun für Gelegenheitsjobs. "Ich habe zum Beispiel schon als Schüler Autos repariert", erzählt er. Später arbeitete er als Portier beim Bauernbund.

Nach der Matura schrieb er sich für Meteorologie an der Uni Innsbruck ein. Er wollte seine Leidenschaft für den Weltraum mit einem Nutzen für die Erde verbinden. Die Wetterforschung per Satelliten verband beide Sphären.

"Er war extrem fleißig und geschickt darin, bezahlte Projekte zu finden, bei denen er mitarbeiten konnte. Zwischendurch musste er immer wieder nach Hause zur Heuernte", erzählt Helmut Rott, der als Doktorvater seinen Studenten Aschbacher der Esa empfahl. "Es war auffallend, wie er darum bemüht war, sein Auftreten und seine Sprache zu verbessern. Er hat früh erkannt, wie wichtig das ist."

Nach dem Studium ging Aschbacher 1991 für die Esa nach Bangkok, es folgten Stationen in Italien und im Hauptquartier in Paris. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er nun in Frascati.