In London leuchteten vergangene Woche die Prozentzeichen in den Augen der angereisten Kunstsammler. Pünktlich zum Beginn der auf zeitgenössische Kunst spezialisierten Frieze London und ihrem Ableger Frieze Masters – für die etwas ältere bis antike Kunst – war das Pfund auf seinen tiefsten Wechselkurs seit 30 Jahren gerutscht. Gut 20 Euro-Cent weniger war es wert als im Vergleich zur Frieze-Woche vor einem Jahr. Für alle Sammler aus fremden Währungszonen war die in Pfund gehandelte Kunst nach dem nun auch konkret angekündigten Brexit also sehr viel günstiger geworden. Das Gedränge in den Messezelten im Regent’s Park erinnerte an einen Schlussverkauf im Kaufhaus. Mehrere Galeristen berichteten schon am Eröffnungstag, nur für die sogenannten VIPs reserviert, von Umsätzen im sechs- und siebenstelligen Pfund-Bereich.

Das schwache Pfund schien sich auch auf die zeitgleich zur Frieze stattfindenden Londoner Auktionen für zeitgenössische Kunst bei Christie’s und Sotheby’s auszuwirken: Die bei den Abendauktionen angebotenen Werke konnten fast alle verkauft werden – und zwar oft zu weit höheren Summen als von den Auktionshäusern vermutet. Bei Christie’s etwa kostete Thomas Schüttes zuvor auf 1,2 bis 1,8 Millionen Pfund geschätzte Skulptur Bronzefrau Nr. 13 (2003) schließlich 3,8 Millionen Pfund (inklusive Aufgeld des Auktionshauses).

Zu den hohen Preissteigerungen kam es allerdings nur deshalb, weil die Auktionshäuser die Preise besonders niedrig angesetzt hatten. Der weltweite Markt für zeitgenössische Kunst hat im ersten Halbjahr 2016 stark gelitten, Galeristen und Auktionatoren machen die Angst vor diversen politischen und wirtschaftlichen Krisen dafür verantwortlich.

Vielleicht auch aus dieser Angst heraus waren die allermeisten auf der Frieze ausstellenden Galeristen nicht gerade geneigt gewesen, höchst Ungewöhnliches oder weitgehend unbekannte Künstler zu präsentieren – worauf diese Messe in den Jahren nach ihrer Gründung 2003 ja noch spezialisiert gewesen war. In diesem Jahr setzte sich der Trend fort, den die Messe schon 2012 mit der Erfindung der Frieze Masters vorgegeben hatte: Die ganz neue Kunst wird durch die Anwesenheit älterer Kunst historisch aufgewertet und auratisch rückversichert. Auf der Frieze Masters sah man diesmal noch mehr Antiken, noch mehr altgriechische und römische Marmorbüsten und Reliefs als in den gesamten vorangegangenen Jahren. Geschickt stellen die Galeristen die Werke in einem Arrangement der unterschiedlichen Epochen aus.

So bespielte der Münchner Kunstkammerspezialist Georg Laue einen Messestand gemeinsam mit dem New Yorker Galeristen Peter Freeman. Laue hatte einen Sekretär aus der Zeit um 1795 mitgebracht, den der Kunsttischler Theodor Commer für 48 Wachsreliefs von Caspar Bernhard Hardy gebaut hatte: allegorische Darstellungen von Musikern, Müttern mit Kindern, Gelehrten und Tieren, die in einem Kabinett aus kleinen verglasten Kästchen präsentiert werden. Passend dazu hatte Peter Freeman dann die 31-teilige Porträtserie Ideego Girls (1990) von Thomas Schütte gehängt. Von dem allseits begehrten Schütte stammten auch zwei kleine Bronzeköpfe auf miteinander verbundenen Schraubstangen, United Enemies (1997), die Laue mit einem aus Elfenbein geschnitzten Januskopf des 16. Jahrhunderts konfrontierte.

Auch die Galerie Hauser & Wirth (Zürich, London, New York, Los Angeles) hatte sich für Frieze Masters wieder mit Moretti Fine Art (Florenz und London) zusammengefunden und Zeichnungen und Gemälde von Marlene Dumas, Alberto Giacometti und Lee Lozano neben möglichst korrespondierende Motive von Altmeistern aus Italien gehängt.

Manche Galeristen erhoffen sich nach dem Brexit einen deregulierten Kunstmarkt

Das teuerste Kunstwerk der gesamten Frieze war allerdings am Stand der Galerie Dickinson (London) zu sehen: Die erste von insgesamt 16 Varianten von René Magrittes berühmten L’Empire des lumières (1949). Eine Häuserreihe mit Straßenlaterne und Bäumen in der Dunkelheit des Abends, dazu ein Mittagshimmel mit freundlichen Cumuluswolken, Tag und Nacht in einem Bild. Magritte hatte diese erste Variante 1949 gemalt, ein Jahr darauf kaufte Nelson Rockefeller das Gemälde in der New Yorker Hugo Gallery für 500 Dollar. Heute soll es 25 Millionen Dollar kosten. Auch der Umstand, dass die zweite Version des Gemäldes im Museum of Modern Art in New York hängt, muss den hohen Preis rechtfertigen.

Der Hang zur Selbstmusealisierung erreichte dieses Jahr sogar das der allerneuesten Kunst gewidmete Zelt der Frieze London. Das Magazin, aus dem sich die Messe einst entwickelte, feiert dieses Jahr sein 25-jähriges Jubiläum, und so beschloss man, die Kunst von damals, aus den Nineties, mit einer eigenen Sektion zu feiern. Die Galerie Buchholz etwa baute den nur drei mal drei Meter großen Kölner Ausstellungsraum nach, in dem Daniel Buchholz 1993 die allererste Ausstellung des heute weltberühmten Wolfgang Tillmans zeigte: Mehr als 60 ungerahmte Fotografien und Magazinseiten, recht punkrockig an die Wände gehängt. Damals kostete eines seiner Fotos 300 Mark, jetzt wurde die gesamte Installation für 400.000 Dollar verkauft.

War diese gesteigerte Lust an der Rückbesinnung nun der Angst vor der Post-Brexit-Zeit geschuldet? Nein, sagte die Messedirektorin Victoria Siddall, es sei noch überhaupt nicht abzusehen, ob sich der Brexit auf den Kunstmarktstandort negativ oder positiv auswirken würde.