Weit ist der Himmel, die Berge sind schroff, die Steppen endlos, die Ströme breit, und es gibt in diesem Buch unendlich üppig blühende Gärten und Felder in fruchtbaren Tälern – und das über Jahrtausende. Dröhnende Hufe ertönen während der Lektüre, ebenso tausendfaches Schreien, Gewehrsalven und Kanonaden, aber vernehmbarer noch das Klimpern der Münzen, das leise Rascheln der Seide.

Peter Frankopan hat ein tausendseitiges, bahnbrechendes Buch geschrieben. Eigentlich aber ist dieser Autor ein begnadeter Regisseur seines Stoffes: Der Leser fühlt sich alsbald wie in einem Vergangenheitskino im Breitwandformat. Der 45-jährige Historiker Frankopan, der in Oxford das Zentrum für byzantinische Studien leitet, will unseren Blick auf die Weltgeschichte verändern. Dazu braucht man schon einiges an Inszenierungskunst.

Frankopans "neue Geschichte der Welt" schaut auf jene vergessene "Achse, um die sich der Erdball drehte": die Region zwischen östlichem Mittelmeer und Himalaya, zwischen Schwarzem Meer und Indischem Ozean. Der Nahe und Mittlere Osten, in unserer Wahrnehmung heute ein gigantisches Krisen- und Kriegsgebiet, war jahrtausendelang das "Herz der Welt": zwar immer von Gewalt durchzogen, aber vor allem besonders wohlhabend und zivilisatorisch am höchsten entwickelt, sodass die übrige Welt sich dorthin orientierte – jeder wollte dort handeln und herrschen.

Viele einzelne Geschichten dieser Gegend sind wohlbekannt: die des Perserreiches und die von Alexander dem Großen, vom rasenden Siegeszug des Islams bis hin zum Kalifat, von den besessenen Kreuzzügen ins Heilige Land, vom Mongolensturm. Aber Frankopan erzählt die Geschichten als historisch-geografischen Schicksalszusammenhang: aus einer riesigen Zone des Austauschs und der Kommunikation zwischen Ost und West, China, Indien und Europa, einer Region in permanenter Globalisierung, avant la lettre. Für ihn ist es kein Zufall, dass ausgerechnet in dieser Gegend alle Weltreligionen entstanden – Judentum, Christentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus.

Der Clou seiner Perspektive besteht darin, die herkömmliche Siegergeschichte der westlichen Moderne auszuhebeln. Frankopan sagt: Ohne den Osten gäbe es den Westen gar nicht. Der Erfolg des Orients stand Pate an der Wiege des Okzidents, selbst an seinen Wurzeln. Die griechische Kultur wurde deshalb vorherrschend, weil sie sich im Gefolge Alexanders in Asien in den Hellenismus verwandelte. Und Rom wurde erst dann zum alles dominierenden Imperium, als es die reichen Kornkammern Ägyptens besaß, die einen explosionsartigen Boom im Reich auslösten. Im Westen stattdessen Kargheit und Tristesse. Frankopan erwähnt mit britischer Ironie die Briefe der Legionäre aus der Provinz Britannien, die ein "Synonym für harte und sinnlose Isolation" gewesen sei.

Der Handel hält das Herz der Welt zusammen, vor allem der mit Luxusgütern. Auf der Seidenstraße wird der Stoff aus China gen Westen transportiert – Seide ist ein Leitmotiv bei Frankopan. Zwischen Persien und Hindukusch entstehen reiche Städte mit perfekter Infrastruktur. Der Wirtschaft, deren Bedeutung Frankopan hervorhebt, folgen Kultur, Bürokratie, Sitten und Gebräuche – und der Glaube, alles in gegenseitiger Anregung. Die Buddhisten schufen aus Konkurrenzgründen ihre ersten Statuen, als im 3. Jahrhundert vor Christus Apollonstatuen im Industal auftauchten – bis dahin waren sie ohne Buddhas Abbild ausgekommen. Frankopans Darstellung lebt von originellen Facetten: So weiß er, dass Mohammeds Islam sich zunächst recht friedlich und konsensorientiert in Arabien ausbreitete. Die Kreuzritter Jahrhunderte später, die sich für den Einzug ins Paradies opferten, wirken weitaus fanatischer.

Scharf kontrastiert Frankopan den Niedergang der antiken Mittelmeerwelt mit dem Triumph des Kalifats im 8. Jahrhundert, wo Kunst und Wissenschaft blühten und enormer Wohlstand herrschte. Erst allmählich konnten Venedig und Genua vom Handel mit dem reichen Osten profitieren. Doch von dort, aus Mittelasien, kam um 1350 auch die allergrößte Verheerung nach Europa: der "Schwarze Tod", die Pest, der mindestens ein Drittel aller Europäer zum Opfer fiel. Frankopan zeigt nun die Paradoxie, wonach gerade diese Katastrophe den "langfristigen Aufstieg Nordwesteuropas" verursachte: Es gab mehr Wettbewerb, mehr Chancen für die Überlebenden, einen Anstieg der Löhne, daher mehr Konsum, eine strenge Arbeitsethik in dieser von der Natur benachteiligten, gar nicht üppigen Weltgegend.

Frankopan unterlegt seine raumgreifende, farbenprächtige Erzählung mit 100 Seiten Anmerkungen und 70 Seiten Literaturhinweisen; dieses brillante Werk ist das Ergebnis hochaktueller Forschung. Die folgenreiche Zäsur erfolgte natürlich 1492 und 1497, als Amerika entdeckt und der Seeweg nach Indien erkundet wurde. Der Siegeszug des Westens begann, während der Osten allmählich seine Bedeutung verlor – um im 20. Jahrhundert plötzlich wieder ins historische Rampenlicht katapultiert zu werden.