"Ein Land kennt man erst, wenn man seine Gefängnisse erlebt hat", sagt eine der Frauen, als es um die Überlebenstechniken auf der Internierungsinsel geht. Wir befinden uns im Griechenland der Jahre 1973 und 1974, und die Gefängnisse der Militärs werden mit Faustschlägen, Elektroschocks und Vergewaltigungen betrieben. Kennt man das Land, wo die Obristen wüten? Ja und nein. In Aris Fioretos’ Roman Mary fallen kaum Klarnamen, trotzdem ist vieles kenntlich. Der Ort, der von den Häftlingen meistens nur die Ratteninsel genannt wird, erinnert an die Gefängnisinsel Jaros, die nach dem Putsch von 1967 zur Internierung politischer Gefangener genutzt wurde. Hier wird die Icherzählerin Mary festgehalten, nachdem sie bei Studentenprotesten verschleppt worden war. Man wäre aber auf der falschen Spur, wenn man diesen außergewöhnlichen Roman als literarisches Memento eines realen politischen Gewaltzustandes vorstellen würde. Das ist er auch, aber weit darüber hinaus versucht Mary noch etwas anderes: den Körper mit den Gedanken zusammenzubringen – und das "Durchhalten" nicht nur als eine Frage hehrer Prinzipien zu verstehen, sondern als eine Form der Humanität, die in kleinen Gesten wurzelt.

Nach ihrer Festnahme im Herbst 1973 wird Mary zusammen mit anderen Frauen auf die Insel gebracht, weil sie in den Folterkellern der Hauptstadt keine Namen verraten hat; sie schützt ihren Freund Dimos, einen der Anführer der Proteste, mit ihrem Schweigen. Mary heißt eigentlich Maria; sie studiert Architektur und stammt aus einer regimetreuen Familie, in der Kirche und Nation hochgehalten werden – aber von dieser tristen Welt hat sie sich gründlich befreit. Die junge Frau beteiligt sich an den Protesten, aber anders als ihr Freund, der Gramsci verehrt und als klassischer Aktivist ("wer nicht handelt, wird behandelt") unterwegs ist, folgt sie keiner reinen Lehre; Parolen und Ausrufezeichen sind ihr fremd.

Mary, die man früher "das Poliomädchen" genannt hat, kennt sich mit Schmerzen aus; "Meine frühe Einsamkeit war ein Urwald, ein Rausch, ein Mantel voller Taschen", schreibt sie über ihre Kindheit. Dieser Erzählton lässt sie als eine sowohl hartschalige als auch durchlässige Person erscheinen, und um solche Fragen des körperlichen und seelischen Aggregatzustandes dreht sich auch der Roman. Das Buch über die Festigkeitslehre, mit dem die Architekturstudentin arbeitet, untersucht im Grunde etwas Ähnliches: die Wirkung äußerer Kräfte auf einen Körper.

Marys Geschichte ist eingewoben in die Beschreibung der Inselgegenwart, denn sie überlebt, indem sie alles beschriftet, was sie finden kann, vom Konservenetikett bis zur Zigarettenschachtel. Ruhig und gefasst protokolliert sie, wie die Frauen unter härtesten Bedingungen sämtliche Gebäude der Insel reinigen müssen, wie sich eine verschworene Gemeinschaft ohne große Worte herausbildet, wie sie erneut gefoltert wird – diesmal mit Stromschlägen – und immer noch nichts verrät. Entscheidend ist, dass es ein zweites Geheimnis gibt: Mary ist schwanger. Ihr sich verändernder Körper ist das heimliche Zentrum dieser Gefängnishefte, und zeitweise lässt "der Keim" die Schwangere sogar furchtlos und vorfreudig werden. Sie malt sich aus, wie das Korn zur Hagebutte, zur Aprikose, zur Mandarine und zur Apfelsine wird. In ihrem Inneren fängt es an zu leuchten, draußen dagegen herrscht das Grau, vom Himmel aus Blech bis zum stahlgrauen Meer.

Um dem Hunger die Stirn zu bieten, schlägt Ioulia vor, dass wir uns gegenseitig Kochrezepte erzählen.
Aris Fioretos

Überhaupt, Farben und Formen, Konsistenzen und Körper: Aris Fioretos, Jahrgang 1960, ist ein fantastischer Beobachter all dessen, was Philosophen in der Nachfolge von Aristoteles als Akzidentien bezeichnet haben. Nur dass das Flüssige, Farbige oder Runde der Substanz in seinem Werk eben keineswegs nachgeordnet ist. In seinem poetischen Migrations-Epos Der letzte Grieche ließ der schwedische Autor mit griechischem Vater seinen Helden Jannis, einen nach Schweden exilierten Griechen, wie einen Vorsokratiker über das Wasser meditieren. Und in Die halbe Sonne, Fioretos’ Erinnerungen an seinen griechischen Vater, sind es eine Orange und eine Sonne auf einer Streichholzschachtel, die ein Knäuel aus Ursache und Wirkung ergeben. Dass kein Mensch eine Insel sei, dass jeder Mensch mit anderen Menschen zusammenhänge: Dieser Gedanke des Vermischungs-Philosophen Jannis kehrt wortwörtlich bei Mary wieder, deren Erzählstimme so feinfühlig wie nuancenreich von Paul Berf ins Deutsche übersetzt wurde.