Gründe, in einer Band zu sein, gibt es viele. Glück, Glanz, Ruhm, Ehre. Der Versuch, beengenden sozialen Verhältnissen zu entkommen. Es heißt, die Mitgliedschaft in einer Band könne zu ebenso unwahrscheinlichen wie aus Sicht des Betroffenen erfreulichen Erfolgen beim anderen Geschlecht beitragen. Bands, so jedenfalls steht es in tausendundeiner Rockstar-Biografie geschrieben, sind Ego-Prothesen, die es selbst dysfunktionalen Individuen erlauben, sich im Verbund mit Gleichgesinnten auf offener Bühne neu zu entwerfen. Bei Carrie Brownstein liest sich das genau so. Und doch ganz anders.

In Modern Girl blickt die heute 41-Jährige auf ihre Zeit als Gitarristin und Sängerin von Sleater-Kinney zurück. Für die später Zugeschalteten: Wir befinden uns in den Neunzigern, Pulks sogenannter Riot Grrrls schicken sich gerade an, Gleichberechtigung mit den Mitteln des Punkrock voranzutreiben. Dass Sleater-Kinney über zehn Jahre und acht Alben hinweg zu Galionsfiguren der Bewegung aufstiegen, vom Großkritiker Greil Marcus obendrein zur "besten Rockband Amerikas" gekürt wurden – für männliche Kollegen wäre dies Grund genug gewesen, sich zurückzulehnen und den Status als Klassiker durch ein legendengetöntes Memoirenwerk zu zementieren. Aber genau das tut Brownstein nicht.

Statt noch eine Erfolgsstory nachzureichen, erzählt sie angenehm unheroisch von den Mühen der Ebene, dem endlosen Touren in stinkigen Kleinbussen, der abendlich ausgerollten, bandintern "Schamhaarmagnet" genannten Matratze und anderen Fährnissen des Lebens on the road. Von wegen Rockstar-Glamour: Rückenschmerzen sind’s, die die Heldin plagen, die Drogen bestehen aus Tabletten, und wenn sich doch einmal ein Fan in die Garderobe verirrt, geht es mehr um Lebenshilfe als um Sex. Im Vorübergehen wird der ein oder andere Alltagssexismus dekuvriert: Warum nur fragen auch wohlmeinende Journalisten Frauen immer wieder, weshalb sie in "Frauenbands" spielen, während kein Mensch darauf kommt, Männer zur Gründung einer Männerband zu interviewen?

Modern Girl ist ein biografischer Desillusionsroman, der den Mythen des Gewerbes den Mut zur gelebten Geschichte entgegensetzt: So also sah es aus im Innern der Revolte. Und doch bleibt Brownstein nicht beim Zählen blauer Flecken stehen. Zu großer Form läuft sie immer dort auf, wo sie dem eigenen Milieu zu Leibe rückt. Keineswegs nämlich ist es nur das Patriarchat, das die Entfaltung des Trios blockiert, als mindestens ebenso hinderlich erweist sich die verinnerlichte Independent-Moral. Brownstein und ihre Mitstreiterinnen Corin Tucker und Janet Weiss bekommen das zu spüren, als sie mit einer größeren Plattenfirma in Verhandlung treten: Eingeschüchtert vom Correctness-Druck der Gemeinde, beschließt die beste Band Amerikas, doch lieber klein und rein zu bleiben.

Vielleicht ist das die ätzendste Botschaft dieses ansonsten sich mit wohlfeilen Lektionen so schön zurückhaltenden Buchs: Aus der Dialektik der Befreiung führt kein Weg heraus. Dass der Rückblick dennoch ganz unverbittert ausfällt, liegt zum einen außerhalb des Berichts: Carrie Brownstein, inzwischen eine erfolgreiche Drehbuchautorin, hat in ihrer Fernsehserie Portlandia die Independent-Szene schon einmal genüsslich persifliert – wenn man so will, in einer diesem Buch vorauseilenden Trauerarbeit, die dem Ton etwas Komödiantisches gibt. Es ließe sich freilich auch von einer Fortsetzung des Punk mit anderen Mitteln sprechen: Nichts im Leben ist für die Ewigkeit. Wenn Ismen zu Dogmen erstarren, wird es Zeit, sie von der Bühne zu lachen.

Carrie Brownstein: Modern Girl. Mein Leben mit Sleater-Kinney; a. d. Engl. v. Stefanie Jacobs; Benevento Verlag, Salzburg 2016; 264 S., 24,– €