*6.3.1926 - †9.10.2016

Andrzej Wajda, Polens größter Regisseur, war der Schöpfer jener Bilder, mit denen ich heranwuchs. Die Eltern hatten mir davon erzählt, kein Pole, der zu jener Zeit nicht die Filme Der Mensch aus Marmor oder Der Mensch aus Eisen kannte. Der erste blickt aus dem Jahr 1977 desillusioniert auf den polnischen Kommunismus der fünfziger Jahre und den Verlust seiner Moral. Der zweite, 1981 entstanden, beleuchtet die kämpferische Entstehung der Gewerkschaft Solidarność. Die Bilder jener Filme waren mir vertraut, bevor ich sie überhaupt gesehen hatte.

Drei Jahre vor seinem Tod begegnete ich Andrzej Wajda. Es war ein gewöhnliches Interview, es war eine ungewöhnliche Begegnung: Er war die Übersetzungshilfe, um das Land begreifbar zu machen, dem ich selbst nach der Ausreise meiner Familie entwachsen war. Wajda hatte, noch während die Historie sich entknäulte, die Kamera draufgehalten, er hatte Filme geschaffen, die Geschichten erzählten und zugleich Historie einfingen.

Gefragt danach, wie es dazu kam, dass auf den Menschen aus Marmor der Film Mensch aus Eisen folgte, erzählte er, wie er in Danzig gerade vom Tor der Werft zum Saal ging, in dem sich die Arbeiter berieten, als einer der Arbeiter ihm zurief: "Machen Sie doch einen Film über uns, Herr Andrzej!", mit der im Polnischen üblichen Mischung aus förmlicher Anrede und Vornamen. "Was für einen Film denn?", fragte Wajda. "Na, den Menschen aus Eisen", erwiderte der. So entstand dann tatsächlich der zweite Teil der berühmten Trilogie. Nun, bei unserem Treffen, sollte es um seinen neuen Film gehen, den letzten Teil: Wałęsa. Mensch aus Hoffnung hieß dieser Film. Es war eine Huldigung an Lech Wałęsa, den gläubigen Katholiken, den smarten Arbeiterführer von der Danziger Werft, den polnischen Präsidenten, der einen veritablen Hang zum Autoritären entwickelte. Früher, da musste der Mensch also aus Marmor sein oder Eisen, dachte ich mir. Jetzt darf er sich endlich Hoffnung erlauben.

Wir saßen in dem Krakauer Museum für japanische Manga-Kunst, das Andrzej Wajda ins Leben gerufen hatte, eine Lebensfaszination, die er mit seiner vierten Ehefrau teilte. Ich packte die beiden Aufnahmegeräte aus, traue niemals einem, und Andrzej Wajda rief vergnügt: "Daran sieht man, dass Sie aus Polen sind." Er lachte laut, doch das Misstrauen allenthalben, das Gefühl, man werde belogen und betrogen, zeichnete für ihn auch das Polen der Gegenwart aus. Kaum jemand dürfte das stärker versinnbildlichen als Lech Wałęsa: der zum Helden Erhobene, der dann mit Schmutz beworfen wurde. Er habe Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass Wałęsa der Mann für einen bestimmten Augenblick gewesen sei. Was danach folgte, das sei verziehen und im Übrigen auch gar nicht mehr wichtig.

Wajda wusste, dass dieser Film viele Gegner haben würde. Dass sich die Pedanten zu Wort melden würden, es sei doch nicht Wałęsa allein gewesen, dem der Umbruch zu verdanken sei; dass die Missgünstigen zetern würden, was für eine Enttäuschung Wałęsa doch gewesen sei. Es war ihm gleichgültig, er wollte das Prestige des Mannes retten. "Wer etwas zu beklagen hat, soll bitte schön seinen eigenen Film machen!"

Wer Wajdas Werk würdigen will, kann sich nur verlieren oder ein Standardwerk darüber schreiben. Als Andrzej Wajda am Sonntag 90-jährig verstarb, fragte eine polnische Tageszeitung in einer Online-Umfrage, welcher Film sein bester sei. Die Frage wirkt so irrsinnig wie anrührend zugleich: Wajda schuf eine enorme Zahl an Werken, die die europäische, vor allem aber die polnische Geschichte einfingen, wie ließe sich da ein einzelner herauspicken? In vielen von ihnen spiegelt sich seine eigene Lebensgeschichte wider. In Kanal (1957) folgt er Partisanen der Heimatarmee (der auch er angehörte), die in den letzten Tagen des Warschauer Aufstandes 1944 in Warschaus Abwasserkanälen um ihr Überleben kämpfen. In dem Film Asche und Diamant erzählte er ein Jahr später vom 8. Mai 1945: Die Deutschen haben kapituliert, aber für die Heimatarmee geht der Kampf tragisch weiter. In Katyń verhandelt er die Geschichte seines Vaters Jakub, der zu jenen polnischen Offizieren gehörte, die zu Tausenden vom sowjetischen Geheimdienst erschossen und namenlos verscharrt wurden. Ich erinnere mich daran, wie ich in einem polnischen Kino saß und mich das Pathos dieses Films befremdete. Beim Abspann standen einige ältere Zuschauer auf und legten sich die Hand aufs Herz. Erst später, als ich den Film abermals sah, begriff ich, was er vielen bedeutet haben könnte.

Die Trilogie, über die wir an jenem Novembertag sprachen, war für mich am bedeutsamsten. Sie hat unweigerlich mein Bild von Polen geprägt, und sie hat das Bild von Polen in der Welt geprägt, nicht zuletzt, als Wajda dafür in Cannes mit der Goldenen Palme oder sehr viel später mit dem Oscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Wajdas Bilder waren es, die dem polnischen Freiheitskampf zur weltweiten Berühmtheit verhalfen, oder, wie der Regisseur selbst aus einem Lied über einen Toten des Streiks von 1970 zitiert: "Die Welt wusste alles und sagte nichts." In dem letzten Teil der Trilogie hat Wajda, so kam es mir zumindest vor, nicht nur das Leben von Lech Wałęsa verhandelt, sondern die Menschlichkeit als solche, die unter der kollektiven Heldensehnsucht leidet. Als verdiene nur der Respekt und Anerkennung, der frei von Fehlern durchs Leben schreitet. Wajda reichte, dass Wałęsa zur richtigen Zeit das Richtige tat. Vielen Polen reichte das nicht, und die Verdienste jener Zeit werden derzeit abermals infrage gestellt.

Wir sprachen fast zwei Stunden lang, ein heiteres Gespräch, das von seinen Hustenanfällen unterbrochen wurde oder dem heiseren, vollen Lachen, bei dem man unwillkürlich mitging, weil es so klang, als hätte er der Welt ein Schnippchen geschlagen. Gern erzählte Wajda in Geschichten, und gern begannen sie so: "Sie wissen es vielleicht nicht, aaaaaber", es folgten bunte Erinnerungen, garniert waren sie alle mit dem Wort "fantastyczne", das immer mit einem Ausrufezeichen versehen war: Faaaaantastisch!

Der Film Wałęsa. Mensch aus Hoffnung kam mir indes wie eine Art Abschied zweier Männer vor, die sich vor über 30 Jahren kennengelernt und die Geschichte Polens geprägt haben, die nun in ihre nächste Phase trat. Nun räumte der eine die Bühne für den anderen frei, wortwörtlich: Als der Film erschien, erkrankte Andrzej Wajda. Er konnte bei den großen Premieren nicht dabei sein, aber Wałęsa, der sich zu der Zeit schon schwer beleidigt fühlte von seinem Polen, konnte noch einmal den Ruhm genießen, sich aussöhnen. So fragte ich Wajda, ob Wałęsa. Mensch aus Hoffnung der Abschluss seines Werkes sein würde. "Das entscheidet meine Gesundheit", antwortete Wajda. Er hatte nicht vor, sich auszuruhen.

Der Film Wałęsa blieb nicht sein letzter. Powidoki, Nachbilder, der von dem Künstler Władysław Strzemiński in der Nachkriegszeit handelt, ist in diesem Jahr Polens Kandidat für den Oscar. Andrzej Wajda hatte noch viel mehr Pläne und noch viel mehr Ideen, für die ein Leben allein nicht reichte.