* 8. 9. 1949 - † 7. 10. 2016

In ihren ersten beiden Jahren als Hamburger Kultursenatorin erzählte sie in kleinerer Runde manchmal diesen Witz: Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit erkundigt sich beim Herrgott, wann denn der Flughafen endlich fertig sei. Gott lässt ihn wissen: Das dauert noch zwei bis drei Jahrzehnte. "Na, da bin ich ja wohl nicht mehr im Amt", sagt Wowereit und macht Platz für den nächsten Frager, Winfried Kretschmann. Er will wissen, wann er Stuttgart 21 eröffnen muss. "Das braucht noch drei bis vier Jahrzehnte", antwortet Gott. "Wunderbar!", sagt Kretschmann erleichtert. "Dann bin ich längst nicht mehr im Amt." Schließlich tritt Olaf Scholz vor den Herrn, berichtet von den Schwierigkeiten beim Bau der Elbphilharmonie. "Wann wird denn endlich mit der Fertigstellung des Konzerthauses zu rechnen sein?", fragt Scholz. "Ach", ruft der liebe Gott aus, "die Eröffnung der Elbphilharmonie, da bin ich nicht mehr im Amt!"

Barbara Kisseler, am 7. Oktober mit 67 Jahren nach langer Krankheit gestorben, machte kein Hehl daraus, dass das Bauvorhaben in der HafenCity nicht ihr Lieblingsprojekt war. Und sie konnte es sich leisten, Witze über die Elbphilharmonie zu machen, das wichtigste Projekt ihrer Amtszeit. Niemand hätte ihr vorgeworfen, ihre Repräsentationspflichten zu verletzen. Denn wenn jemand repräsentativ war, dann diese Frau. Stets perfekt gekleidet, im Kostüm, mit hohen Absätzen, eine elegante Erscheinung, aber in ihrer rheinisch-zugewandten Art eben auch nahbar und geerdet.

Als der frisch gewählte Bürgermeister Olaf Scholz die parteilose Germanistin, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftlerin im Februar 2011 nach Hamburg holte, war das ein Coup: Kisseler galt in der Kulturszene als "sehr durchsetzungsfähige Frau mit viel Humor", so Tom Stromberg, ehemaliger Intendant des Hamburger Schauspielhauses.

Barbara Kisseler kam aus Berlin, wo sie unter Wowereit die Senatskanzlei leitete, und sie war zudem eine beschlagene Kulturpolitikerin. In Hilden und Düsseldorf stand sie in den Achtzigern und frühen Neunzigern den Kulturämtern vor, in Niedersachsen zwischen 1993 und 2003 der Abteilung Kultur im Ministerium für Wissenschaft und Kultur. 2009 holte der damalige SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier sie in sein Kompetenzteam. Bei einem Wahlsieg wäre sie Kulturstaatsministerin geworden – ein Job, den sie sehr gerne gemacht hätte, wie sie immer mal wieder betonte.

In Hamburg betrat Barbara Kisseler ein Krisengebiet: Das Verhältnis zwischen Kulturschaffenden und Kulturbehörde war zum Ende der schwarz-grünen Ära zerrüttet. Ihr Vorgänger im Amt Reinhard Stuth hatte mit nassforschen Kürzungsplänen sowohl die etablierten Häuser – Museen und Theater – wie auch die freie Szene gegen sich aufgebracht.

Hamburg lechzte nach einer neuen Kulturpolitik. Und Kisseler schaffte es, die Herzen (und Milieus) der gesamten Kulturszene zu erobern. Keine leichte Aufgabe in einer Stadt, in der Kulturschaffende vom Staatstheater bis zur Off-Szene gerne außerparlamentarische Opposition spielen und Kisselers Vorgänger als Zuchtmeister auftraten. Als etwa Regisseur Volker Lösch 2008 in seiner Marat-Inszenierung einen Chor von Hartz-IV-Empfängern anklagend eine Liste von Hamburger Milliardären verlesen ließ, erklärte die damalige Kultursenatorin Karin von Welck, in der Inszenierung würden "große Wohltäter" Hamburgs auf billige und populistische Weise "in Misskredit" gebracht.

Kisseler schlug andere Töne an. Sie präsentierte sich als Anwältin der Kulturschaffenden und der Künste gegenüber einer Politik, die "hin und wieder in diesem Sektor ein paar Weiterbildungsmaßnahmen nötig hat", wie sie in einem Interview sagte. Im Theater müsse man die Bereitschaft mitbringen, zuzuhören, auch wenn man anderer Meinung sei: "Kulturschaffende dürfen auch mal Dinge deutlich aussprechen, die ein Innen- oder Justizpolitiker vielleicht nicht sagen könnte. Das ist eine große Chance."

Dass Künstler Häuser besetzten, war ihr nicht zuwider, sondern der Beginn einer langen Freundschaft: Wann immer es im Gängeviertel eine Nutzungsvereinbarung zu unterschreiben oder eine Teilsanierung zu feiern gab, kam Kisseler vorbei und hielt leidenschaftliche Reden, in denen sie die Bedeutung des Projektes hervorhob.

"Wir trauern um eine große Senatorin und eine bemerkenswerte Frau", postete die Gängeviertel-Initiative nach ihrem Tod, im Namen der "vielen Kulturschaffenden, die durch ihren Mut und ihre Stärke endlich ein Licht im Dunkel wiedergefunden haben. Danke Barbara Kisseler!!!" Wann haben Hamburger Hausbesetzer einer Senatorin jemals so warme Worte hinterhergerufen?