Wie kann man Zürich nur verlassen? Nicht für New York, Paris oder Berlin. Nein, für Halle an der Saale! Von Zürich aus gesehen: eine Stadt irgendwo in Ostdeutschland, in Pegida-Land.

Es waren keine Schweizer, die Nathalie Wappler verwundert anriefen. Es waren deutsche Kollegen, die fragten: "Wie kannst du nur?"

"Weil es mir in meiner Arbeit um etwas geht", lautet ihre Antwort. Das klingt nach einer Floskel. Dahinter steckt jedoch ein hoher Anspruch: Die 48-jährige Medienmanagerin will etwas bewegen und Diskussionen prägen.

Nathalie Wappler sitzt in ihrem Büro in einem Randquartier von Zürich. Spannteppiche, karge Einrichtung. Noch bis Ende Oktober ist sie Kulturchefin des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF), dann wechselt sie als Programmdirektorin zum Mitteldeutschen Rundfunk (MDR). Eben nach Halle.

Ist ihr beim SRF langweilig geworden?

"Das ist etwas sehr zugespitzt", sagt Wappler und lacht, "aber manchmal diskutieren wir in der Schweiz über Probleme, die, wenn man sie in einem größeren Kontext sieht, gar überschaubar anmuten."

Die Frau will raus. Aus der Enge der gut situierten Schweiz. "Die wenigsten Menschen in Europa leben so wie wir", sagt sie: "Ich möchte gern das, was ich kann, auch andernorts einsetzen." Dort, wo die Welt in Bewegung ist, wo die Zustände nicht in Stein gemeißelt sind. Im wilden Osten.

Das heißt, Radio und Fernsehen in einer Region Deutschlands zu machen, in der die AfD immer mehr die politische Debatte prägt. Die Berichterstattung aus Städten wie Dresden und Leipzig zu verantworten, in denen Tausende Pegida-Wutbürger gegen die "Lügenpresse" wettern und damit auch den MDR meinen.

An Angriffe von Rechtspopulisten hat Wappler sich gewöhnt. Das SRF ist ein Lieblingsfeind der Schweizerischen Volkspartei (SVP). Ihre Politiker decken die Redaktionen mit Beschwerden ein, wenn vermeintlich allzu kritisch über die Partei berichtet wird. "Man sollte nicht arrogant sein, sondern sich mit den Argumenten auseinandersetzen – und jene, die falsch sind, entlarven", sagt Wappler. Doch nicht immer reagieren der Sender und seine Chefs cool. Da wird schon mal eine Sendung verschoben, weil man sich vor den Reaktionen fürchtet; und die penible Sorge um Ausgewogenheit in der Berichterstattung trägt fast pathologische Züge.

Für Wappler, in St. Gallen geboren, ist der neue Job eine doppelte Rückkehr. Zum einen generell nach Deutschland, wo sie studiert hat, in Konstanz, und später einige Jahre arbeitete; unter anderem für die Kulturzeit von 3sat und die politische ZDF-Talkshow Berlin Mitte. Zum anderen speziell in den Osten. "Eine meiner prägendsten beruflichen Erfahrungen war das knappe Jahr, in dem ich mit Joachim Gauck zusammenarbeitete", sagt sie. Das war 2001, als der heutige Bundespräsident ein Intermezzo als Talkmaster in der ARD gab. Wappler war eine seiner Coaches. Sie habe sich, erzählt sie, in diesen Monaten mit ihm, mit Gaucks Geschichte, auch mit der DDR, intensiv auseinandergesetzt. Bis heute halten die beiden Kontakt.

Aus jener Zeit blieben Fragen hängen, die Wappler noch beschäftigen. "Ich will wissen, wie ein geteiltes Land zusammenwächst." Der Osten, sagt sie, solle mit ihr als MDR-Direktorin nicht länger "als der Teil von Deutschland wahrgenommen werden, aus dem man wegzieht". Das klingt nach einer Mission. Nach einem Grund, weshalb Wappler von Zürich nach Halle wechselt und dafür den einflussreichsten Job in der Schweizer Kulturszene aufgibt. Sie und ihre 350 Mitarbeiter bestimmen nicht nur, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk der deutschsprachigen Schweiz über Theater, Oper, Musik und Kunst, über Philosophie, Geschichte und Religion berichtet. (Die Westschweiz und das Tessin haben je eine eigene Sendeanstalt.) Sie vergeben auch Millionen für Spielfilme und Serien, etwa den Schweizer Tatort, und lassen unzählige Dokumentarfilme produzieren.

Beim MDR war Wappler, die Johann Michael Möller nachfolgt, die Wunschkandidatin von Intendantin Karola Wille. Deren Vorschlag passierte die Wahlgremien problemlos. Die Schweizerin ist weder in einer Partei noch in einer Kirche. Wichtig auch: Sie, die leise spricht, ihr Worte abwägt, ist frei von Großspurigkeit. "Darauf reagieren wir Schweizer ebenso allergisch wie die Ostdeutschen", sagt sie. "Wir müssen einander nicht in die Parade fahren, sondern sind uns bewusst, dass es um uns herum noch andere Menschen gibt."

Ihre neue Chefin will, dass Wappler in Halle fortsetzt, was sie in Zürich und Basel gelernt hat: die Redaktionen der Sparten Radio, Fernsehen und Internet zusammenzuführen. "Konvergenz" heißt das im Medienslang. Wer als Kulturjournalist beim MDR-Hörfunk arbeitet, soll sich künftig mit den TV- und Online-Kollegen zusammenspannen; und sich auch in den sozialen Medien, auf Twitter und Facebook, einbringen. "Wir müssen als Journalisten dorthin, wo die Diskussionen geführt werden", sagt Wappler.

Die Frau hat eine Mission

Sie selbst lebt längst die neue digitale Medienwelt. Sie twittert unter dem Namen @ploxa, trägt am Handgelenk eine Apple Watch. Auf dem Sitzungstisch liegt ein iPad. Immer wieder piepst und ploppt eines der Gadgets. Als sie vor fünf Jahren die SFR-Kulturabteilung umzubauen begann, kamen solche Töne schlecht an. Allen voran bei der Redaktion von DRS 2, das sie zu einem zeitgemäßen Kulturradio machen wollte. Noch heute erzählen Mitarbeiter von der Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede, welche die neue Chefin damals gehalten habe ("Wir müssen den Befreiungsschlag wagen"). Die Kulturbranche heulte auf. Ausgerechnet die Frau, die ihren späteren Ehemann beim vierhändigen Klavierspielen näher kennenlernte, der geneigte NZZ-am-Sonntag -Leser erfuhr davon in der Just married-Rubrik, ausgerechnet die Bach- und Beethoven-Enthusiastin – würde sie die Hochkultur in den Mainstream kippen?

Wappler sagt: "Journalisten sind in ihrer eigenen Veränderungsbereitschaft konservativ. An sich ein sehr positiver Zug." Aber DRS 2 sei ein Programm für Liebhaber gewesen, und "wie immer bei Liebhabern: Sie versprechen viel, aber halten nicht alles" – indem sie angeben, sie würden DRS 2 hören, aber kaum je einschalten. Deshalb gibt es auf dem neu formatierten Sender namens SRF 2 Kultur mehr News-Häppchen zu hören und ein bunt geschecktes Musikprogramm. Nicht mehr allein Klassik und Jazz, sondern auch Bob Dylan oder – oh, Graus! – Sting. "Die Zahlen sind stabil, die Hördauer nimmt zu", sagt Wappler. Sie wirkt zufrieden.

Nun soll sie den MDR umkrempeln helfen. Die Drei-Länder-Anstalt ist ein kompliziertes Konstrukt. Potenzielle Zuschauer: 8,5 Millionen, doppelt so viele wie in der Deutschschweiz. Jahrelang war der Sender für zwei Dinge bekannt: DDR-Heimatgefühl und Skandale. Beim Kinderkanal, für den der MDR mit zuständig ist, verschwand Geld aus der Kasse, leitende Mitarbeiter begünstigten andere. Auch Wappler bekam die Schlagzeilen mit. "Inzwischen kenne ich aber keinen Sender, der eine so strenge Compliance-Policy hat wie der MDR", sagt sie. Unter der Intendantin Wille kam Ordnung in die Bude und Bewegung ins Programm. Heute, sagt Wappler, sei der MDR innerhalb der ARD einer der dynamischsten Sender.

In Halle selber heißt es: Fehlten früher die checks and balances, herrsche nun eine furchtbare Bürokratie. Die Neue wird sich sagen: Sei ’s drum, das bin ich gewohnt. Auch in Basel und Zürich klagen ihre Redakteure darüber, dass die Büroarbeit ausufere, sie für immer mehr Output immer weniger Zeit zur Verfügung hätten.

Wappler weiß das. Trotzdem hat sie ihr Ding durchgezogen. Beharrlich und leise. Die Frau hat eine Mission.