Rendezvous mit der Welt

Höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten, bessere Wohnungen, eine umfassende Sozialversicherung und so weiter – es ist keineswegs sicher, dass wir uns diese Dinge leisten können, wenn wir die Vorteile preisgeben, die wir aus der kolonialen Ausbeutung ziehen." So lautet schon 1945 der hellsichtige Befund von George Orwell. Er hat noch einige Gültigkeit, wenn man "Kolonialismus" durch den "globalisierten Kapitalismus" ersetzt. Der systemische Zusammenhang, in dem die einen gewinnen und die anderen verlieren, ruft immer wieder die Ungleichheitsforscher auf den Plan: nun den Soziologen Stephan Lessenich mit seinem Buch Neben uns die Sintflut.

Lessenich achtet auf Nebenwirkungen des westlichen Wohlstands und sieht die "dunklen Seiten der westlichen Moderne": die Hightech-Landwirtschaft in Europa, die vom zerstörerischen Sojaanbau in Argentinien lebt; die Abholzung der Mangrovenwälder Thailands, um unseren Hunger auf Shrimps zu stillen; den Sandimport für die Bau- oder Fracking-Industrien, der in Afrika die Küsten erodieren lässt; den Plastikmüllstrudel im Nordpazifik. Der globale Süden liefert den Rohstoff für das Wachstum im Norden, und er dient als Senke für unsere Abfälle.

Ohne die Landnahme in der Außenwelt kann eine kapitalistische Gesellschaft nicht leben, sie ist – so der von Lessenich eingeführte Strukturbegriff – eine "Externalisierungsgesellschaft". Immer neu verlagert der Kapitalismus Gewalt und Ausbeutung, Abfall und Naturzerstörung dorthin, wo seine Nutznießer es nicht wahrnehmen müssen.

Dass wir über die Verhältnisse der anderen leben, ist nicht neu, und Lessenich selbst betont, das wisse nun "jedes Kind". Aber da dieses Wissen mit den Moralvorstellungen unserer christlich-abendländischen Welt nur schwer vereinbar sei, werde es verdrängt oder weginterpretiert. Lange suggerierten "Entwicklungstheorien", der Wohlstand der Reichen werde durch den Mechanismus globaler freier Märkte quasi automatisch nach unten "tröpfeln"; wenn die Flut des Wohlstands steige, würden auch die kleinen Boote angehoben. Wo intellektuelle Selbstberuhigung nicht mehr funktioniert, sagt Lessenich, externalisiert man die Verantwortlichkeiten: Wegen der korrupten Eliten habe Entwicklungshilfe nichts gebracht. Oder man beruhigt das soziale Gewissen durch Spenden – wobei der Exportweltmeister auch den Titel in der Wohltätigkeit hält.

Mit dieser Diagnose unterläuft Lessenich zwar die Differenzierungen in jüngsten Studien von Ökonomen wie Branko Milanović, die eine neuartige Ungemütlichkeit zeigen: Während sich in den westlichen Industrienationen die Lage der Schwachen relativ verschlechtert und die Mittelschicht stagniert, bildet sich in den neu in den Weltmarkt eintretenden Ländern eine neue Mittelklasse, und auch die Lage der Ärmsten verbessert sich ein wenig.

Wir leben nicht über unsere Verhältnisse. Wir leben über die Verhältnisse anderer.
Stephan Lessenich

Gleichwohl: Lessenichs Kritik bezieht ihre Aktualität daraus, dass zumal in ökologischer Hinsicht das Wegsehen immer schwerer fällt. Die Universalisierung des Wachstumswahns kehrt als Erosion, Brunnenvergiftung und Klimakatastrophe zurück; die ökologischen Asymmetrien der Globalisierung lassen die Migration anschwellen. Mit dem so realistischen wie zynischen Bonmot des Finanzministers: Wir erleben und erleiden nun unser "Rendezvous mit der Globalisierung". Die große Wanderung der Verlierer hat begonnen – und mit ihr die Verlustangst bei uns.

Der Limes zwischen uns und den neuen Barbaren war nur durchlässig für Güter und Kapital und unüberwindbar für Migranten ohne Visum. Nun wird er belagert. Der kategorische Imperativ der Weltbürgerrechte endet am Mittelmeer, die grenzenlose Freiheit für das Kapital erfordert eine Welt bewachter Grenzen und eingezäunter Gemeinschaften. Das irreale offizielle Ziel der Weltökonomen – mehr Gleichheit auf dem Konsumniveau des Westens – droht ins ökologische Desaster zu führen.

Was helfen könnte …

Es sei ein Wunder, schreibt Lessenich, dass nicht noch mehr aufbrechen. Sie tun es nicht, weil auch die Grenzen externalisiert werden. In Abkommen wie dem mit der Türkei zeichnet sich die Zukunft ab: Die Abwehrfront wird weiter nach draußen geschoben; durchgelassen werden allenfalls billige Pflegekräfte, Dienstboten und Hochqualifizierte – Lückenbüßer in überalterten Wohlstandsgesellschaften.

Auch wenn Empörung in seine Formulierungen dringt, ist Stephan Lessenich bemüht (warum eigentlich?), nicht zu moralisieren: "Ganz ohne an eine christliche, zivilgesellschaftliche oder menschenrechtliche Moral zu appellieren: Es ist das aufgeklärte Eigeninteresse, das uns am Prinzip der Externalisierung zweifeln lassen sollte – und uns dazu bringen, von ihm abzulassen." Aber er weiß auch: Ein "wohlstandsgesellschaftliches Wir", das einen Wandel herbeiführen könnte, gibt es nicht. Ohne mehr Gleichheit im Inneren der Wohlstandswelt werden sich keine Mehrheiten für einen Ausgleich zwischen Nord und Süd oder für eine Politik, die das ökologische Desaster abwendet, finden.

Was helfen könnte, wird schon lange gedacht: eine Revision der Welthandelsordnung, eine behutsame Regionalisierung der globalen Produktion, eine Steuer auf Finanztransaktionen, eine globale Klimapolitik. Und weiter: ein technologischer Sprung ins solare Zeitalter im Süden, Konsumverzicht im Norden und wirksame globale politische Institutionen. Gesetze, Verträge und Erwartungsrevisionen. Politik. Aber die setzt einstweilen auf effektivere Grenzsicherung. Und die böse Ahnung wächst, dass Menschen, die viel zu verlieren haben, zu vielem in der Lage sind: "Gestern im Kino. Ein Film über ein Schiff von Flüchtlingen, das irgendwo im Mittelmeer bombardiert wird. Zuschauer höchst belustigt. Viel Beifall" – so schrieb es Orwells Held Winston Smith in sein Tagebuch, am 4. April 1984.

Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis; Hanser Berlin, Berlin 2016; 224 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €