Es sei ein Wunder, schreibt Lessenich, dass nicht noch mehr aufbrechen. Sie tun es nicht, weil auch die Grenzen externalisiert werden. In Abkommen wie dem mit der Türkei zeichnet sich die Zukunft ab: Die Abwehrfront wird weiter nach draußen geschoben; durchgelassen werden allenfalls billige Pflegekräfte, Dienstboten und Hochqualifizierte – Lückenbüßer in überalterten Wohlstandsgesellschaften.

Auch wenn Empörung in seine Formulierungen dringt, ist Stephan Lessenich bemüht (warum eigentlich?), nicht zu moralisieren: "Ganz ohne an eine christliche, zivilgesellschaftliche oder menschenrechtliche Moral zu appellieren: Es ist das aufgeklärte Eigeninteresse, das uns am Prinzip der Externalisierung zweifeln lassen sollte – und uns dazu bringen, von ihm abzulassen." Aber er weiß auch: Ein "wohlstandsgesellschaftliches Wir", das einen Wandel herbeiführen könnte, gibt es nicht. Ohne mehr Gleichheit im Inneren der Wohlstandswelt werden sich keine Mehrheiten für einen Ausgleich zwischen Nord und Süd oder für eine Politik, die das ökologische Desaster abwendet, finden.

Was helfen könnte, wird schon lange gedacht: eine Revision der Welthandelsordnung, eine behutsame Regionalisierung der globalen Produktion, eine Steuer auf Finanztransaktionen, eine globale Klimapolitik. Und weiter: ein technologischer Sprung ins solare Zeitalter im Süden, Konsumverzicht im Norden und wirksame globale politische Institutionen. Gesetze, Verträge und Erwartungsrevisionen. Politik. Aber die setzt einstweilen auf effektivere Grenzsicherung. Und die böse Ahnung wächst, dass Menschen, die viel zu verlieren haben, zu vielem in der Lage sind: "Gestern im Kino. Ein Film über ein Schiff von Flüchtlingen, das irgendwo im Mittelmeer bombardiert wird. Zuschauer höchst belustigt. Viel Beifall" – so schrieb es Orwells Held Winston Smith in sein Tagebuch, am 4. April 1984.

Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis; Hanser Berlin, Berlin 2016; 224 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €