Der schwarze Junge Rashad geht in einen Laden, um eine Packung Chips zu kaufen. Wenig später liegt er auf dem Bürgersteig und verliert das Bewusstsein, als vermeintlicher Dieb brutal zusammengeschlagen von einem weißen Polizisten namens Paul Galluzzo. Ausgehend von dieser Szene, haben die Autoren Jason Reynolds und Brendan Kiely einen denkwürdigen Roman geschrieben.

Nichts ist okay! wird von zwei Seiten erzählt, abwechselnd von Rashad, der im Krankenhaus erwacht, und von seinem weißen Schulkameraden Quinn, der zufällig Zeuge der Tat geworden ist. Rashad versucht, mit den Schmerzen und dem Gewalterlebnis klarzukommen, Quinn ringt um Haltung dazu, dass die ihn abschreckende Brutalität ausgerechnet von einem Polizisten ausging, dem er sich verbunden fühlt. Denn Paul Galluzzo ist der ältere Bruder seines besten Freundes und für ihn selbst wie ein Ersatz des Vaters, den er früh verloren hat.

Am Ende wird Galluzzos Brutalität beide Jugendliche tiefgreifend verändert haben: Rashad bekommt erst durch die Gewalttat des weißen Polizisten ein Bewusstsein dafür, was es heißt, im heutigen Amerika schwarz zu sein. Quinn lernt, dass man vor dem Rassismus nicht die Augen verschließen darf und dass er auch dort lauert, wo man ihn am wenigsten vermutet: im eigenen Selbst mit seinem Anspruch auf Sicherheit und Staatsvertrauen.

Die Geschichte eines Schwarzen und eines Weißen, aufgeschrieben von einem schwarzen und einem weißen Autor, nun, kann es verwundern, dass sie selbst schwarz-weiß gehalten ist? Anders gesagt: Der Roman ist ein geradezu klassischer Fall von engagierter Literatur. Wer gut, wer böse, was richtig und falsch ist: Nichts ist okay! verhilft dem Leser fast immer zu einem eindeutigen Urteil. Das Buch ist ein unverhüllter Aufruf, dem Rassismus entschlossen und gemeinsam entgegenzutreten, am besten, wie es im Roman selbst geschieht, mit einer Demonstration.

Diese Sehnsucht der Autoren und ihres Romans, unmittelbar in die Wirklichkeit einzugreifen – auf der Demo werden die Namen realer Opfer rassistischer Polizeigewalt wie Michael Brown, Tamir Rice, Freddie Gray verlesen –, ist nicht unproblematisch. Die Wirklichkeit droht in der engagierten Literatur ja stets den genuin künstlerischen Gehalt des Werkes, seine ästhetische Vieldeutigkeit, seine Autonomie zu erdrücken.

Platt und plan wirkt Nichts ist okay! dennoch nicht. Das ist vielleicht das Denkwürdigste an diesem Roman: Den beiden Autoren gelingt gewissermaßen das Kunststück, Kunst ohne künstlerischen Kern zu schaffen. Die Figurenzeichnung, die Verkettung der Motive, die Anreicherung der schlichten Sprache durch Jugend-Slang und die Verschränkung der Sichtweisen von Rashad und Quinn sind so raffiniert ausgeführt, dass sie die mangelnde Vieldeutigkeit zu Teilen kompensieren.

Das Buch enthüllt nicht nur, wie Rassismus funktioniert. Es zeigt auch einfühlsam, wie Jugendliche mit 16 so drauf sind, was sie bewegt, was sie begeistert, was sie ängstigt. Nicht zuletzt: Es kann jungen und nicht nur jungen Lesern die Augen dafür öffnen, wie man eine gute Geschichte erzählt. Das macht Nichts ist okay! zu einem Roman, der mehr ist als nur okay.

J. Reynolds/ B. Kiely: Nichts ist okay! Deutsch von K. Fritz/A. Hansen-Schmidt. Ab 14 Jahren; dtv Reihe Hanser 2016; 320 S., 14,95