Manchmal steht Michael Reuland vor seinem Werk und betrachtet es. Er raucht eine Zigarette und sucht seine Handschrift in dem, was er Jahrhundertprojekt nennt. Reuland ist Architekt. Seine Handschrift findet sich überall dort, wo Menschen sich wohlfühlen sollen. In der Kantine, die nicht Kantine, sondern Restaurant heißt, dem Basketballfeld im Hof, den Quittenbäumen vor der Terrasse. Das Ganze, sagt Reuland, sei schließlich keine Sparmaßnahme gewesen.

160 Millionen Euro hat seine Firma Tesa an diesem Ort investiert. Drei Gebäude, das größte sieben Stockwerke hoch. Die Mitarbeiter sollten eine Unternehmenszentrale bekommen, die klarmacht, dass Tesa nicht irgendeine Klebebandbude ist, sondern ein internationaler Industriezulieferer. Einer, der sich nicht mehr, verteilt auf mehrere Gebäude, zwischen Mietshausschluchten in Eimsbüttel quetschen lässt.

Tesa ist ins Grüne gezogen, das wäre die freundliche Betrachtung. Wenn Reuland jetzt aus seinem Bürofenster guckt, kann er Fasane sehen und Rehe, manchmal einen Fuchs. Schreibtische auf dem Acker, so sahen es viele Mitarbeiter. Als Reuland der Belegschaft zum ersten Mal vom Umzug erzählte, sprach er deshalb lieber vom "neuen Standort am Hamburger Flughafen". Inzwischen nennt er die Sache beim Namen: Norderstedt.

Norderstedt, das sind 78.000 Einwohner, 5.800 Hektar Land, 4.300 Unternehmen, acht Gewerbegebiete, 35.000 Arbeitsplätze, ein Stadtpark mit WLAN, das zweitgrößte Einkaufszentrum in Schleswig-Holstein und das Haus von Uwe Seeler.

Norderstedt, das sind auch 18 Kilometer Stadtgrenze mit Hamburg, ein kleines Stück vom Hamburger Flughafen samt Lärm, eine – die einzige überhaupt – Außenstelle der Hamburger Handelskammer und zahlreiche Hamburger Unternehmen, die sich hier angesiedelt haben. Der Familienunternehmer Volkmar Wyviol, Sitz an der Alster, hat dort eine riesige Schokoladenfabrik gebaut, die Modekette Tom Tailor aus Niendorf ein Warenlager, der Hamburger Gabelstaplerhersteller Jungheinrich sein weltweit größtes Werk.

Und seit diesem Jahr residiert hier auch: Tesa, erfolgreiche Tochter des Hamburger Traditionskonzerns Beiersdorf. Die meisten Mitarbeiter fahren nun nach Hamburg zum Schlafen und in den Vorort zum Arbeiten. Dabei ist das doch sonst andersrum, oder?

Für Hamburg war der Tesa-Umzug ein harter Schlag. Für Norderstedt eine Art Unabhängigkeitserklärung.

Tesa und Casio sind längst da, als Nächstes kommt Condair

Ein Unternehmen verlegt nicht die platzfressenden Lager- und Produktionshallen ins unscheinbare Norderstedt – sondern seinen ganzen Firmensitz, Verwaltung, Forschung und Entwicklung, 1.000 Arbeitsplätze für Hochqualifizierte. Das stärkt das Selbstbewusstsein einer Stadt, die lange nicht mal eine Stadt war. An ihrer Stelle gab es Garstedt, Glashütte, Friedrichsgabe und Harksheide. Erst 1970 wurden die vier Gemeinden zusammengeschlossen, und schon der neue Name machte klar, als wessen Kind sich der junge Ort sah – schließlich war auch das aus schleswig-holsteinischer Sicht logische Süderstedt im Gespräch.

Man würde das in Norderstedt wohl anders formulieren, aber zur Geschichte gehört auch: Die Stadt ist ein Geschöpf Hamburgs, Produkt des Aufstiegs einer Metropole. Man nennt das auch Speckgürtel, Einzugsbereich, Peripherie oder Schlafstadt. Jetzt will Norderstedt das alles nicht mehr sein.